Hallo,
ich (nicht „man“) schrieb über das Thema, nachdem ich hier eine Antwort auf Deine Frage gab, von der ich annahm, sie sei ausreichend:
http://www.kampfkunst-board.info/for...ml#post3321056
Da Dir meine erste Antwort offenbar zu wenig ist, schreibe ich meinetwegen etwas mehr dazu. Mein Trainingspartner greift mich mittels einer vorgegebenen Technik an, steht also nicht reglos im Raum. Zum besseren Verständnis lege ich mich hier auf den Angriff Oi-Zuki fest. Um den qualitativen Grad meiner Krafterzeugung zu prüfen, möchte ich wissen, in welchem Maß sich die von mir erzeugte „Kraft“ auf meinen Trainingspartner auswirkt (Kraftübertragung). Also ist die Reaktion meines Trainingspartners sozusagen der Ausschlag des Zeigers meines „Karate-Kraftmeters“. Ebenfalls der Einfachheit halber lege ich meine eigene Handlung fest auf einen Gedan-Barai. Beide Bewegungen sind grob klar, denke ich. Als Kontaktstelle kann das Oi-Zuki-Handgelenk dienen, d. h. mein Gedan-Barai berührt das Handgelenk des Angriffsarms meines Trainingspartners. Mit Deinem Karate-Hintergrund und Deinen Erfahrungen würde Dein Gedan-Barai in dieser Situation eine Wirkung auf den Arm Deines Gegenübers haben. Vielleicht bewegst Du seinen Arm etwas aus der Bahn oder produzierst ein Hämatom oder eine Kombination aus beidem. In meinem Fall geht es um die Auswirkung meiner Handlung auf den gesamten Körper meines Trainingspartners, d. h. um die Reaktion seines ganzen Körpers infolge des Kontakts meines Gedan-Barai an seinem Angriffshandgelenk. Je nach Heftigkeit der spürbaren und sichtbaren Reaktion seines ganzen Körpers kann ich ermessen, wie „stark“ oder eben wie „schwach“ meine Krafterzeugung ist. Die Fähigkeit zum „Messen“ rührt daher, dass ich selbst durch meinen Karate-Lehrer erfuhr und erfahre, wie sich Kraftübertragung von ihm auf mich auswirkt und wie sich die von ihm erzeugte „Kraft“ anfühlt. Die entsprechende Reaktion ist, wie schon geschrieben, spezifisch für mein Karate. Hie Handlungen selbst können variieren, da die Körpermechanik bei meiner Krafterzeugung (frei von „Bildern“) im Grunde gleich bleibt. D. h. anstelle des Gedan-Barai kann ich auch einen Tsuki usw. nutzen. Auch der Kontaktpunkt kann variieren. Wichtig ist schließlich, dass ein solches Testen keine Ausnahme von der Regel, sondern quasi Trainingsalltag ist.
Zum Rest: ich nutzte den Hinweis darauf, dass H. Nishiyama mit „Application“ nicht „Bunkai“ meint, um zu erklären, dass seine konkreten technischen Handlungsanweisungen ganz ähnlich von Außenstehenden mit „Bild-Hintergrund“ als „Bilder“ aufgefasst werden können, obwohl sie für ihn keine sind.
Der Zeitraum ist selbstverständlich wichtig. Da ich jung bin, machte ich meine diesbezüglichen Erfahrungen logischerweise nicht vor vierzig oder fünfzig Jahren … Dass es technische Unterschiede zwischen dem Karate H. Nishiyamas und dem der JKA gibt (die sich entwickelt haben), stellte ich an einem einfachen Beispiel in dem Artikel „Der Zenkutsu-Dachi und seine Varianten im Shōtōkan-Ryū“ („Toshiya“ 10/2007) dar. Ein (amerikanischer) Schüler von H. Nishiyama und ein JKA-Anhänger, der regelmäßig in Japan bei M. Tanaka (geb. 1941) trainiert, gaben mir positive Rückmeldungen zu meinem Artikel, in denen sie bestätigten, was ich in Wort und Bild festhielt. Dass in der JKA nach Standardisierung gestrebt wird, schrieb ich selbst schon häufig. Nichtsdestotrotz gab und gibt es „Abweichler“, die mal größere, mal kleiner technische Unterschiede ausüben und lehren. Dazu gab es im Forum Karate-News (mindestens) eine längere Diskussion. Da dieses Forum „kaputt“ ist, kann ich sie aber nicht so schnell finden.
Der Verweis auf ein „Bubishi“ verdeutlicht zwei Probleme. Es gibt einen „Nord-Süd-Satz“ in einer englischen Übersetzung/Interpretation verschiedener „Bubishi“-Ausgaben. Problematisch an ihm ist, dass er in den mir vorliegenden japanischen/chinesischen Fassungen so nicht vorkommt. Wichtig ist außerdem, dass der „Nord-Süd-Satz“ der englischen Version eher so klingt: „Verwende immer kreisförmige Bewegungen von Nord nach Süd […].“ Kein „wenn“, „dann“. Ist dieser „Nord-Süd-Satz“ also Bestandteil der okinawanischen „Bubishi“? Selbst wenn es sich also um eine „Visualisierung“ in einer Richtung des Pa-Kua Ch’üan handeln sollte, heißt das noch lange nicht, dass dieser Wortlaut etwas mit einem „Bubishi“ und damit mit einer angenommenen Beeinflussung der okinawanischen Kampfkünste zu tun hat. Das zweite Problem an dem Verweis besteht darin, dass bestimmte Fachbegriffe oder Phrasen in der Kampfkunst zwar vom Wortlaut her identisch oder zumindest vergleichbar sein können, ihre tatsächliche inhaltliche Besetzung jedoch je nach Lehrmeister oder Tradition erheblich voneinander abweichen kann. Ich selbst machte an anderer Stelle darauf bereits aufmerksam. Selbst wenn also ein Begriff oder eine Phrase in einer Tradition wie dem Pa-Kua Ch’üan als „Visualisierung“ genutzt wird, heißt das noch lange nicht, dass sie ähnlich oder gleich lautend in einer anderen Tradition wie meinetwegen dem Lohan-Ch’üan (eine „Bubishi“-Quelle) ebenso als „Visualisierung“ Verwendung findet und falls doch, dass es nicht zwingend in der gleichen Weise bzw. mit dem gleichen Resultat geschieht. Noch viel weniger ist dann es zulässig, solch einen Ansatz kultur- und länderübergreifend (China nach Ryūkyū) als grundsätzlich gegeben hinzunehmen, ohne echte Belege zu haben. Genau da spielen eben auch die direkten Unterweisungen des Lehrers eine Rolle. Lehrer aus fremden Traditionen oder Laien können alles Mögliche zu einem Fachbegriff meiner Tradition sagen – manches logischer, manches unlogischer – aber was der Fachbegriff in meiner Tradition tatsächlich soll und was es mit ihm tatsächlich auf sich hat, erfahre ich nur in meiner Tradition.
Sicherheitshalber füge ich noch an, dass ich nichts gegen „Visualisierungen“, Kampfkünste mit „Visualisierungen“ usw. habe. Die Verallgemeinerung, dass „Visualisierungen“ von (technisch und/oder historisch) zentraler Bedeutung im Karate sein müssten, ist es, gegen die ich was habe …
Grüße,
Henning Wittwer





Mit Zitat antworten