Zitat Zitat von ryoma Beitrag anzeigen
Ist das wirklich so, dass Aikidô als Physiotherapie eingesetzt wird?
Das ist mir bisher noch nicht begegnet. Dabei übe ich mit vielen Menschen, die in diesem Bereich arbeiten. Auch als Vorsitzender unseres Vereins habe ich nie jemanden erlebt, der von einem Arzt oder Physiotherapeuten zum aikidô geschickt worden wäre.
Allderdings stellen wir immer wieder Teilnahmebescheinigungen aus für Krankenkassen, da die Mitgliedschaft in einem "Sport"verein in bestimmten Bonusprogrammen zu Beitragserstattungen führen kann. Das ist ja aber noch mal was anderes.

Ich persönlich halte es umgekehrt eher für ein Problem, aikidô gezielt als Physiotherapie einzusetzen. Die - untypischen und daher für Ungeübte ungewohnten - Belastungen, die der Körper durch das Üben erfährt, stehen dem m.E. ganz ausdrücklich entgegen.
Ich frage Menschen, die neu in mein Training kommen, nach ihren körperlichen Problemen, damit sie ggf. "darum herum" üben können. D.h. sie üben also nicht zur Therapie, sondern trotz ihrer Problematik. Das macht vieles, bis fast alles möglich - es gibt aikidôka, die vom Rollstuhl aus üben - ist aber aus meiner Sicht ein fundamentaler Unterschied, was die Zielsetzung angeht.

Ich hatte aber auch die Äußerung von aiki50+ lediglich als eine Metapher verstanden. In dem Sinne, daß es für ihn gut war, sich überhaupt zu bewegen und wieder zu einem veränderten Körpergefühl zu kommen. Also für ihn persönlich hat das Üben einen Effekt gehabt, den er sich in etwa auch von einer Physiotherapie erhofft hätte.

All that said ...

Ich selber übe in einem Kontext, in dem es zu den erklärten Zielen gehört, durch das Üben die allgemeine Gesundheit des Körpers - also nicht allein nur die Funktionen des Bewegungsapparates - nicht allein nur zu erhalten, sondern tatsächlich zu verbessern. Und zwar sowohl die eigene, als auch die der jeweiligen Übungspartner.

Es mag an der Oberfläche widersprüchlich klingen, das Üben eines budô, auch mit Stichen zu Kehlkopf und Augen und dergleichen, mit dem Ziel der Verbesserung der Gesundheit zu verbinden.
Aber wenn man genauer hinschaut kann ja das Üben von aiki - oder anders formuliert in'yô - nicht etwas sein, das dem Körper schadet. Wenn denn man tatsächlich in der Lage ist, aiki zu entwickeln, dann übt man damit ja ganz aussrücklich etwas "richtig", natürlich (im daoistischen Sinne) und heilsam ist.
Udn ebenso heilsam ist es dann auch für den Partner.
So jedenfalls ist auf einer abstrakten Ebene klar, daß aikidô der Gesundheit dient. Bis man das dann auch praktisch umsetzen kann, dauert es wohl eine Weile. Aber es ist dann durchaus auch ganz konkret erfahrbar.

Nebenbei bemerkt: Ich weiß durchaus von Lehrern, Schulen, Stilen, in denen es üblich ist, mindestens zu versuchen, einander auch während des Trainings zu verletzen.
Und ich kenne solches Üben auch aus eigenem Erleben. Der Gedanke dahinter ist wohl im Grunde der einer "Auslese der Besten". In dem Verband, dem ich angehöre, wurde vor längerer Zeit mal ein Lehrer ausgeschlossen, weil er seine Schüler darauf gedrillt hatte, mit ihren Partnern recht "sorglos" umzugehen. Die haben das dann auch bei den dan-Prüfungen so gezeigt udn das war eher weniger lustig ...

@ Inryoku: Das karate, das in der Folge der hier mal diskutierten Ereignisse an der Nakana Akademie entstanden ist, ist u.a. genau dafür "berühmt" geworden.


Beim zweiten Zitat sehe ich das Problem nicht so sehr beim TE. Sein "Misverständnis" baut doch zum Teil darauf auf, wie in seinem Dôjô Aikidô von den Lehrern erklärt wird.
Ich muß zugeben, den Teil habe ich nicht genau verstanden: Es klingt ja so, als würde auch dort durchaus atemi unterrichtet, nur eben erst "später". Was immer das konkret heißt. An einer anderen Stelle hat aiki50+ doch auch geschrieben, daß er wohl auch seinen Lehrer selbst mißverstanden habe.

Ich selber habe mit aikidô begonnen, weil es nach allem, was ich gehört und gelesen hatte, eine "Kampfkunst ohne Gewalt" sein sollte. So damals der Slogan unseres Vereins. Eine "defensive Kampfkunst" die eine Form der Selbstverteidigung lehrt, die "den Angreifer nicht verletzt". Und dergleichen. Also funktionierende SV ohne ethische Konflikte ...
Ein solches Bild ist wohl auch immer noch gar nicht so ungewöhnlich.

Irgendwann muß natürlich jeder Übende, der solche ethischen Ansprüche hat, mit diesem Konflikt umgehen. Und wenn jemand tatsächlich pazifistische Ideale vertritt, dann ist wohl der Schritt, mit dem Üben aufzuhören oder auch eine Gesprächsgemeinschaft zu verlassen, die diese Anschauungen nicht teilt, eine durchaus konsequente Entscheidung, die meinen Respekt hat.