Hallo Chris,

Jetzt sind wir ja fast quitt, wenn mir noch jemand erklärt, was ein "Rant" ist, danke!
Ein "Rant" ist so halbwegs übersetzbar mit "Dampf ablassen". Unfeiner übersetzt, eine Tirade.

Jedenfalls konnte keiner der Experten auf der Versammlung die Frage nach der Definition des Shotokan beantworten....(war mir aber klar).
Ich weiß nicht, ob uns das weiterbringt, aber ich kann ja mal kurz darlegen, was ICH (unbedeutendes kleines Licht) unter Shotokan-Karate verstehe.

Für mich ist Shotokan eine Kampfkunst, die ein gewisses technisches und taktisches Spektrum umfasst. Definiert wird dieses Spektrum aus den den Stil beschreibenden (zu Grunde liegenden) Kata und deren Ableitungen. Dies sind wiederum für mich alle Kata, die in den 27 Kata von Pflüger stehen (Von "Heian Shodan mit Fußtechniken" mal abgesehen.).

Unter "Ableitungen" verstehe ich nicht "abgeleitete (sprich neue) Kata" sondern technische Ableitungen, die Kampfprinzipien oder Techniken der zugrunde liegenden Kata modifizieren oder anpassen.
Als Beispiel sei hier Ura-Mawashi-Geri genannt. Der in den Kata als solches nicht vorkommt (zumindest fällt mir jetzt gerade keine ein), der aber aus der Bassai-Sho abgeleitet werden kann.

Diese Definition ist natürlich an den Rändern ziemlich unscharf; macht aber nichts. So kann man diskutieren, ob Kyushu-Jitsu integraler Bestandteil von Shotokan ist oder nicht. Ich mach's nicht, andere schon. Diese Wahl sollte jeder haben und gilt für mich als Nebenkriegsschauplatz.

Womit wir wieder zur Frage kommen, ob es sinnvoll sein könnte, wenigstens die Begrifflichkeiten der (japanischen) Karatesprache einigermaßen zu besprechen, bevor man an eine Prüfungsordnung geht.
Für mich ist Sprache kein Selbstzweck; ich bin ja kein Poet. Für mich soll sie Informationen transportieren und das auf möglichst unzweideutige und einfache Weise.
So lange exakt geklärt ist, welcher Begriff exakt was beschreibt, ist mir das egal. Von mir aus kann man "Mae-Geri" "Tritt 1" und "Yoko-Geri" "Tritt 2" nennen. Ich bin da völlig schmerzbefreit.
Die Verwendung einer einheitlichen Sprache hat aber natürlich den Vorteil, das man auch mit Leuten trainieren kann (lernen kann), die aus anderen Ländern kommen. Ich habe bei Engländern, Israelis und Franzosen trainiert und man kann sich immer wieder zusammenpuzzlen, was die von einem wollen, weil wir halt ähnliche (japanische) Begriffe verwenden.
Sogar angehörige fremder zänkischer Bergvölker sind regelmäßig bei uns zu Gast (Thomas oder Fritz) und trotzdem ist Verständigung möglich.

Aber der Kernpunkt, der klaren eindeutigen Bedeutung, steht für mich über der Sprache selbst. Ich würde vermuten, dass eh kein Japaner bemerkt, dass wir versuchen, japanische Kommandos zu geben.

Und nein, es weiß eben nicht jeder, was die Begriffe bedeuten und ja, sie werden bis heute falsch interpretiert und bis zum Kotzen wiedergekäut!
Wie gesagt, ich bin da praktisch orientiert.

Geht und lasst Euch die Geschichte von denen erzählen, die damals dabei waren, bevor sie sterben!
Aber warum? Leben wir doch im hier und heute.

Und es wird immer noch "gestoppt" oder - noch schlimmer - "eingerastet" (Häh, wos is???) beim Ki-Ai, der ja bekanntlich "Kampfschrei" heisst....
Hier halte ich mich raus. Ich mache keinen Kiai, lehre keinen Kiai und verlange in den Prüfungen keinen.
Wenn ich selbst Prüfungen ablege, dann sind meine auch eher leise - so eher intern.

Und ja, man sollte mal "Gohon-Zuki" ausprobieren, allein um festzustellen, dass man blöd und hilflos rumsteht und auf die Fresse bekommt (aber WT oder Kung-fu.....)
Kannst Du das näher erläutern? Redest Du von Kihon oder Kumite? Falls Kumite, eher freier oder vorgeschriebene Bewegungen bei Tori und Uke?

Und nein, seitliches Ausweichen ist nicht immer und unbedingt die Wahl, zumindest nicht auf engstem Raum - aber wenn man mit seinem Körperschwerpunkt und seiner Körperachse "spielen" kann, dann ist das einem wurscht, weil man trotzdem die Situation beherrschen kann.
Für mich es Ausweichen immer die erste Wahl. Ich hab's mit dem Samurai-Geist nicht so. Auch eröffnen mir Winkel zum Gegner bessere Kontermöglichkeiten.
Außerdem, und das ist für mich der Hauptgrund: Selbst mal angenommen, dass Stehen bleiben oder Gerade zurück gehen, biomechanisch optimal ist (was ich bezweifle) heißt das noch lange nicht, dass selbst meine optimale Kraft und Geschwindigkeit ausreichen, um den Gegner zu stoppen.
Der Fachbegriff dafür lautet, glaube ich: In Schönheit sterben.

Vielleicht bin ich auch nur feige, damit kann ich leben.

Die Freude am Shotokan soll Dir erhalten bleiben, allein ich habe meine Zweifel, solange die Betonköpfe allein ihre und keine andere Meinung zulassen und festzementieren (wobei sie aber Shotokan nicht definieren können, peinlich....).
Ich bin ein winziges Licht, in einem kleinen Sub-Verband des DKV und betreibe den fast bedeutungslosen Posten des Prüferreferenten. Ich komme damit klar, wenn sich Verbandsleute aus Ego-Gründen die Köpfe einschlagen so lange es mich nicht betrifft. (Fun Fact: Bei der famosen Stilrichtungsversammlung in Bergisch-Gladbach voriges Jahr habe ich von einem der Stiloberen Schläge angeboten bekommen.)
Wie genau die Shotokan definieren, ist mir eigentlich gleich. Mir ist auch egal, ob die es überhaupt können.

Grüße
SVen

P.S.: Und noch etwas. Die Übungsform mit dem Gohon-Zuki würde mich echt interessieren. Zur Zeit (ist aber Zufall) gehe ich in meinem Training stark auf Sanbon-Zuki, den ich in unterschiedlichsten Varianten als Angriff üben lasse.
So etwa in der Art: Gyaku;Gyaku;Kizami oder Oi-Komi; Kizami; Gyaku.
Schon hier entsteht, in Verbindung mit verschiedenen Schritt/Gleitschrittvarianten) bei einigen in Knoten im Gehirn.

SVen