Das, was ich beschrieben habe, gehört im Studium evangelischer Theologie schlicht zu den Grundlagen, zu dem, was einem Pro-Seminar z.T. sogar noch vorausgeht.
Aus dem kommentierten Vorlesungsverzeichnis der Uni HD zum Sommersemester 2017:
"Überblicksvorlesung: Historischer Jesus
Das schwierige Unterfangen, an den historischen (vorösterlichen) Jesus, der hinter dem nach Ostern geglaubten steht, heranzukommen und diesen als historische Gestalt zu würdigen, ist methodologisch zu erörtern und in seinen theologischen Konsequenzen zu reflektieren. Was als "historisch" für Jesus v. Nazareth aus dem antiken Quellenmaterial herauspräpariert werden kann (nicht nur Jesusaussprüche, auch
Tun und Erleben), wird v.a. im Kontext des antiken Judentums
(insbes. Galiläas) zu interpretieren sein.
Dabei werden auch sozialgeschichtliche und archäologische Aspekte zur Sprache kommen. " (Herv.v.mir)
Oder auch:
"Einführung in die Methoden neutestamentlicher Exegese - Proseminar
In diesem Proseminar werden die Methoden der wissenschaftlichen Exegese erarbeitet und anhand praktischer Beispiele eingeübt.
Inhaltlicher Schwerpunkt werden die „klassischen“ Methodenschritte der historisch-kritischen Exegese sein, wobei daneben auch neuere Ansätze der neutestamentlichen Forschung ihre Berücksichtigung finden werden. Die intensive Arbeit am griechischen Text steht dabei im Vordergrund.
Nach erfolgreich abgeschlossenem Proseminar sollen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der Lage sein, selbständig eine wissenschaftlich fundierte und reflektierte Auslegung eines Textes anzufertigen." (Hev.v.mir)
Das sind Beispiele für Lehrveranstaltungen, die sich mit den Methoden und Aspekte beschäftigen, auf die ich oben Bezug genommen habe. Und beides sind Veranstaltungen, die in das eigentliche Studium einführen. Also die Basis theolgisch-wissenschaftlichen Arbeitens vermitteln und nicht irgendwlche exotischen Exkurse.
Als ich an der Uni war, habe ich als Tutor an der "Einführung in das Studium der evangelischen Theologie" mitgearbeitet. Dabei ging es u.a.
auch darum, an die von mir beschriebene Denkweise heranzuführen und ihre Konsequenzen zu diskutieren. Leiter dieses Tutoriums war Heinrich Bedfor-Strohm. Er ist derzeit Ratsvorsitzender der EKD. Angesiedelt war die Veranstaltung am Lehrstuhl des damaligen Dekans, Wolfgang Huber. Der war später Bischof und auch Ratsvorsitzender und Mitglied der von der Bundesregierung eingesetzten Ethikkommission ...
Zudem: Ich bin jetzt seit fast 25 Jahren in dem Job und ich erlebe mich im Kreis der Kollegen sicher nicht als Exoten, was den Aspekt wissenschaftlicher Arbeit als Element evangelischer Theologie angeht. Ich erlebe das im Gegenteil als ein gemeinsames Grundverständnis.
Kontrovers diskutiert werden dann eher die Konsequenzen, die sich daraus ergeben. Und daher wird auch der Eindruck rühren, meine Äußerungen wären nicht repräsentativ. Oder nicht mehr christlich zu nennen.
Wie ich schon ein paarmal geschrieben habe, ist zu unterscheiden zwischen dem Betreiben wissenschaftlicher Theologie und geistlichem Leben. Auch ein Botaniker kann seiner/m Geliebten eine rote Rose schenken, um dadurch etwas auszudrücken, das eine andere Qualität hat, als seine wissenschaftliche Aussagen über eine rote Rose. Beides ist wahr.
So bin ich der Ansicht daß man nicht wählen muß, zwischen wissenschaftlich theologischem Arbeiten und spirituellem Leben. Ich denke (und erfahre) daß beide Arten von in-der-Welt sein sich nicht ausschließen oder behindern, sondern im Gegenteil integriert werden können. Beides sind Eins.
Ja, natürlich. Sonst könnte und würde (und dürfte) ich meinen Job nicht ausüben.Verstehst du dich denn als Christ? Und wenn ja, in welchem Sinne?
Ich bin Christ. Mehr ist da nicht ...
Ich erlebe und lebe eine enge Verwandtschaft mit römisch-katholischen Geschwistern.
Ich erlebe und lebe eine enge Verwandtschaft mit Geschwistern der unterschiedlichen evangelischen Ausprägungen.
Ich erlebe mich als aufgehoben in meiner lutherischen Kirche.
Ich erlebe eine enge Verwandtschaft mit Geschwistern, die auch shintô praktizieren.
Oder jenen, die auch einer buddhistischen Gemeinschaft angehören.
Oder ...
Ich empfinde, wenn überhaupt, nur eine entfernte Verwandtschaft mit Menschen, deren Glaube in Angst, Unfreiheit, Arroganz oder Absolutheit führt. Auch Formen von Glauben, die Aspekte menschlichen Seins aussondern müssen, um sich selbst zu verstehen, sind mir fremd.
Ein Glaube, der sich verliert, wenn man in einem theologischen Hörsaal sitzt. Oder der behauptet, gleichgeschlechtliche Liebe wäre Sünde. Oder der jemand nicht zu Grabe trägt, der sein Leben selbst beendet hat. Oder der nicht aushält, was Herr Darwin der Welt erzählt hat, ist aus meiner Sicht ein unerwachsener Glaube.





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