Um auf das eigentliche Thema zurück zu kommen: Ich habe hauptsächlich Shotokan trainiert, habe aber auch Ausflüge ins Goju Ryu, Wado Ryu, Kyokushin und ins (deutsche) Ju Jutsu gemacht. Insgesamt war ich Mitglied in verschiedenen Vereinen (durch Umzüge, usw).
Meine Erlebnisse: Im Shotokan waren überwiegend nette, eher zurückhaltende Menschen unterwegs, die die ganze Sache eher als "fit bleiben" betrachten und auch gerne mal den nächsten Gürtel im Auge hatten, weil sie dann dachten, dass die Karate "könnten", je höher der Gürtel wäre. Manche waren nur gürtelfixiert. Für sie gab es nichts anderes. Deren Techniken waren aber nie wirklich brilliant.
Es gab Shotokanvereine, die nur Kihon und Kata gemacht haben. Kumite war die Ausnahme. Stattdessen gab es Soundkarate. Die kämpferischen Fähigkeiten der höheren Kyu-Grade und der Schwarzgurte: Keine.
Es waren eher die "gemütlichen" Charaktere, die (wie schon erwähnt) das alles als "fit bleiben" betrachteten. Trotzdem hat der eine oder andere den 1. oder 2.Dan erreicht. Doch die kämpferischen Fähigkeiten dieser Schwarzgurte blieben weiterhin nicht vorhanden. Man hat sich auch keine Mühe gemacht, dies zu ändern. Aussagen wie "zweimal die Woche Training reicht mir", habe ich mehrmals gehört. Zwar kam es auch schon mal vor, dass man sich mit dem Schwarzgurt um dem Bauch nun etwas "erhabener" vorkam, aber die kämpferischen Fähigkeiten blieben weiterhin nicht wirklich vorhanden. Stattdessen wog man sich in "kämpferischer Sicherheit", indem die eine oder andere Kata mit 50% Kraft gelaufen wurde. Die Trainer haben auch keine Anstalten gemacht, wirklich kämpferische Aspekte ins Programm aufzunehmen, weil es hieß: "Das können wir nicht machen! Sonst kommen die Leute nicht mehr!"
Ich habe auch Shotokanvereine kennen gelernt, in denen auch Kumite trainiert wurde. Dies beschränkte sich in der Regel jedoch auf die typischen Prüfungsinhalte. Das "Highlight" war dann, dass man sich ab dem 1.Kyu die Konter selber ausdenken konnte.
Wirkliche, länger anhaltende Kämpfe, in denen Schwarzgurte mal gekonnte Kombinationen eingesetzt haben, die abseits von Kizami Tsuki, Mae Geri und reingelaufenen Gyaku Tsuki waren, habe ich in keinem Shotokanverein gesehen.
Genau das Gegenteil habe ich im Kyokushin erlebt: Dort wurde nur Randori trainiert. Kein Kihon, keine Kata, kein Pratzentraining. Nichts von all dem. Nur Randori mit wechselnden Partnern. Zuvor ein konditionell sehr forderndes Aufwärmprogramm. Als ich das erste Mal dort mit trainiert habe, hat man mich sogar gefragt, ob ich körperlich soweit gesund wäre, um das Programm durchzustehen. Randori wurde ohne Schützer trainiert, also mit den blanken Knochen. Die Jungs haben dort ohne Pause nur Gas gegeben. Dies war das gesamte Training.
Im Goju Ryu hat man viel "kreisende" Bewegungen geübt. Also eher eine Art "Greifen und aus dem Gleichgewicht bringen". Generell fand ich die Goju Ryu Sachen innerhalb des Karate irgendwie am interessantesten, weil sie zum Teil sehr anders als die Shotokan-Sachen waren.
Im Ju Jutsu hat man alles mögliche geübt, aber alles nur halbherzig. Auf Kime, korrekte Ausführung der Techniken, 100% Einsatz wurde nicht geachtet. Es hat oft gereicht, wenn Techniken nur angedeutet wurden. Man hat hier mit sämtlichen Schützern gearbeitet. Also auch hier wieder das Gegenteil zum Kyokushin, wo die blanken Knochen zum Einsatz kamen.
Bodenkampf gab es nur beim Ju Jutsu. Wirkliche Hebel ebenfalls. Würfe habe ich da keine gesehen. In keinem der o.g. Karatestilen, die ich mit trainiert habe, kam eines dieser drei Dinge vor.
Die kämpferischen Fähigkeiten der Schwarzgurte? Mmmh, meinen Erlebnissen nach zu urteilen würde ich sagen, dass die Kyokushin-Leute am besten kämpfen konnten, bzw auf der Straße wohl die besten Chancen gehabt hätten, weil sie den Zweikampf ausschließlich geübt haben. Einer von denen hat zwar zugegeben, dass er in Kata "richtig schlecht wäre", aber ob dies auf der Straße hinderlich für ihn wäre, wage ich zu bezweifeln. Zuschlagen und Treten konnten die Jungs wenigstens. Und zimperlich waren die auch nicht gerade. Bei ihnen habe ich am deutlichsten "das Kämpferherz" gesehen. Die anderen, besonders beim Shotokan und noch viel mehr beim Wado Ryu waren sehr oft die "gesundheitsorientierten" Leute, die sich fit halten wollten und sich deshalb in Sachen Kämpfen eher zurück gehalten haben.
Wenn überhaupt irgendwo (außer beim Kyokushin) "kämpferische Aspekte" trainiert wurden, dann ausschließlich wettkampfbezogen und mit sämtlichen Schützern. SV stand in keinem Training auf dem Programm. Wenn im Shotokan SV trainiert wurde, wurde es fast schon wie ein gesonderter Lehrgang innerhalb des Trainings angekündigt - als würde SV eigentlich gar nicht zum Karate gehören, sondern wäre ein "nettes Bonbon", welches man gerne mal mitnehmen könne.
Ich schreibe dies alles ohne Wertung, sondern schildere meine Erlebnisse und meine Trainingseindrücke. Jede Person soll so trainieren wie es für die betreffende Person am passendsten ist. Schließlich kann sich jeder etwas aussuchen. Spannend fand ich nur, dass der Menschenschlag in den jeweiligen Disziplinen schon eindeutig zuzuordnen war.
Wie ich mich selbst als 1.Dan Shotokan einschätze? Schwierige Frage, wenn ich ehrlich bin. Ich bin auf der Straße noch nie angegriffen worden und bin auch selbst kein Stressmacher. Ich denke, dass ich mir schon zu helfen wüsste, aber eine Garantie gibt es ja bekanntlich nicht. Auch ich kann eines Besseren belehrt werden und auf der Straße übelst den Kürzeren ziehen, wenn bestimmte Faktoren (z.B. mehrere Angreifer) zusammen kommen. Man sollte sich selbst sowieso niemals überschätzen und die Gegner unterschätzen. Generell würde ich von mir selbst behaupten, dass ich als Schwarzgurt eigentlich noch nicht so gut kämpfen kann wie ich es gerne können würde oder sollte.





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