Puh, ich werde gekreuzigt....
Die Frage ist erstens, ob es überhaupt so etwas wie Shotokan bzw. Shotokan-Ryu gibt.
Aus der Tatsache, dass Funakoshis dankbare Schüler ihm zu Ehren ein Schild über die Tür des damaligen Dojo genagelt haben, gleich eine kplt. Stilrichtung abzuleiten, ist gewagt.
Von Meister Kase stammt die Anekdote, dass der alte den jungen Funakoshi im Training angegrummelt habe und der dann geantwortet hätte, er würde doch nur so trainieren, wie der Herr Papa daheim.
Vom derzeitigen Stilrichtungsreferenten Shotokan im DKV ist überliefert (weiter Bogen!), dass er auf die Frage, was denn bitte Shotokan sei, keine Antwort gehabt habe (trainiert nun aber auch schon bald 50 Jahre....).

Wenn wir uns also klassisch und sklavisch ausschließlich an historische Fakten halten wollten, dann bitte einer Shotokan-Sekte beitreten, die sich an das historisch greifbare Material hält und dementsprechend trainiert. Und selbstverständlich nur bis zum 5. Dan graduiert (ob das nun Absicht bei Funakoshi war oder nur der Tatsache seines Ablebens geschuldet ist, bleibt mal dahin gestellt).

Die JKA erhebt den Anspruch als Stilbewahrerin (definiere Shotokan!), weil sie als erste da war, vergisst dabei aber gleich die Herren Hironishi Genshin und Meister Egami und das Shotokai, sowie die Frage, was denn nun bitte Shotokan ist: Das, was wir vom alten Funakoshi übermittelt bekommen haben und wobei die Frage nach "seinem", also seinem persönlichen Karate unbeantwortet bleibt oder das, was der junge Funakoshi dort hineingebracht hat: Lange und tiefe Stände, div. Keri-Waza und z.B. den Yoshitaka-Dachi.

Dass die JKA sich ausschl. dem sportlichen Gedanken verschrieben hat (was ja zur Ablehnung durch Funakoshi führte) und dass Nakayama den Alten täuschte, als er die JKA aus der Taufe hob, ist eine andere und politische Sache. Und Karateka wollen ja nur trainieren, aber niemals Politik machen - bescheuert. Dann machen halt andere die Politik über eure Köpfe hinweg.
Die Entschuldigung Nishijamas hierzu habe ich noch selber gehört und dass das ein Irrweg gewesen sei. Hut ab!

Dass sich viele und insbes. die herausragenden Meister der JKA von ihr gelöst haben und eigene Wege gegangen sind (Kase, Shirai, Kanazawa, Asai, Abe usw.) ist ein Zeichen wovon? Dass Ochi zu 100% Original-JKA-Karate macht? Lächerlich! Wer die Diskussionen über die beiden JKA-Kata-Bücher und deren "Einstampfung" mangels Ochi's Segen mitbekommen hat, weiß, dass es auch hier nur um Macht, Geld und Einfluß geht.

Fährt jemand ein Auto? Äh, mit digitalem Motorenmanagement oder klassisch mit Vergaser? Letzteres ist sicherlich ein gepflegter Oldtimer und erfreut unsere Herzen, wenn wir ihn mal sehen (aber nur bei schönem Wetter, für Regen wäre er zu schade und zu empfindlich).

Macht jemand Shotokan nach Funakoshi? Äh, wo? Ich würde mir das gerne ansehen und würde gerne wissen, wer es ihm wann und wo vermittelt hat!

Unser Karate verändert sich, so wie die ganze Welt. Meine Kritik an Ochi & Co. besteht in ihrer Trainingsmethode. 1.000 Mae-Geri mögen gut für die Kondition eines geübten Karateka sein, einen Anfänger schrecken sie entweder von der schönsten Sache der Welt ab oder machen ihn bereits am Anfang körperlich kaputt.

Sorry, aber die Meister, die in die Welt geschickt wurden in den 60ern, mögen gute Karateka gewesen sein, aber sie hatten (damals) keinerlei Ahnung über Geschichte und Herkunft dieser Kampfkunst, kaum Fremdsprachenkenntnisse (daher die Missverständnisse, siehe "Kime"!) und vor allem keinerlei didaktische Fähigkeiten. Man lernt nicht durch 1.000mal in die Luft treten oder Stossen eine Technik und wenn es einem jemand falsch vermittelt / Make more Kime! mache ich mir auch noch als ungeübter Trottel die Gelenke kaputt.
Dass die gleichen Meister hinterher und im Laufe ihres Lebens herausragende Karateka wurden, ist gut und ein Zeichen dafür, dass wenigstens sie sich weiterentwickelt haben. Andere sind halt nur dort stehen geblieben, wo sie schon vorher waren (nur der Bart wurde länger).

Graduierungen. Ich muss meinem Freund Gibukai widersprechen, jemand wie Nöpel hat seinen 10. Dan direkt aus Japan und in Würdigung seiner Lebensleistung bekommen. Ob einem sein Stil zusagt (er hat ja wenigstens einen!), ist eine andere Sache. Darüber hinaus sind DKV-Graduierung weltweit anerkannt über die WKF, aber das ist jetzt schon Verbandsgeplänkel, ebenso wie der Umstand, dass die JKA über die JKF ebenfalls Teil der WKF ist und beide (DKV und DJKB) also in der gleichen Suppe schmurgeln.

Was bleibt also am Ende eines langen Tages?
Wenn Du schon unbedingt Shotokan trainieren willst, dann schau dir das Training in möglichst vielen Vereinen und unter möglichst vielen Trainern an und wähle dann mit Bedacht. Ich würde heute, wäre ich wieder jung und stünde wieder am Anfang meines Weges, Shito-Ryu oder Uechi-Ryu wählen.

Kleine Anekdote vom Trainer(!)meeting am Wochenende mit Gasttrainer Carlo Fugazza (direkter Schüler von Shirai sensei): Da waren Leute da, die konnten keinerlei Anwendung aus Heian Goden, geschweige denn Bassai Dai. Bassai Sho und Gojushiho Sho (Dai - SKI) blieben schon fast auf der Strecke. Ja, mei, so was machen wir bei uns im Verein nicht. Ja, bitte, was macht ihr denn in eurem Verein? Kartenspielen?
Und dann natürlich die seit Jahren obligatorische Frage: Hat jemand Knie- oder Hüftprobleme? Nein!? Ja, warum steht ihr dann nicht in ZK oder KK, sondern in irgendeiner "Stellung"? Fremdschämen war wieder angesagt! Aber alle machen "Shotokan"!

Definiere also Shotokan!!!