Mit meinem Üben und Leben dagegen schon. Ich erlebe das Üben von aikidô unmittelbar als Ausdruck japanischer Kultur. Und das nicht auf einer theoretisch-abstrakten Ebene, sondern weil ich bei japanischen Lehrern übe. Oder bei Lehrern, die in Japan gelebt haben, um dort zu üben. Und deren Lehrer also ebenfalls Japaner sind. (Ein wichtiger Lehrer für meinen Lehrer war beispielsweise Watanabe sensei, dessen Versterben du neulich gepostet hast.) So hat unser Üben einen engen Bezug zu dem Land, seinen Menschen, der Kultur und Geschichte. Und in so einem Kontext ist eben "budô" kein Abstraktum, sondern ein kultureller Aspekt, der mit Leben gefüllt ist. Und dem ich versuche, in meinem Leben und Üben näher zu kommen.
Ich bin nicht sicher, wie die Frage der Unterscheidung von kobudô und gendaibudô in den Diskussionsverlauf passt? Ich selber übe ja sowohl ein kobudô, als auch ein gendaibudô. Und ich sehe nicht, daß die Unterscheidung, ob ein budô vor oder nach der Meiji Restauration entstanden ist, einen Unterschied bedeutet für die Frage, "was budô sei".(Gendai) Budô ist ein Begriff, ...
M.E. haben sich viele Aspekte, die du gendai budô zuschreibst, durch das bunbu ryôdô der Edo Zeit längst auch in kobudô entwickelt. Und sie konnten auch vorher schon Teil dessen sein, was unter budô verstanden wurde. So gehören diese Aspekte zum Gründungsmythos der TSKSR, die Mitte des 15. Jahrhunderts gegründet wurde.
Dazu kommt, daß es durchaus Überschneidungen geben kann von strukturellen Aspekten der gendaibudô und kobudô: So hat z.B. das aikidô einen shintô (ômoto kyô) Schrein, in dem die 43 kami des aikidô eingeschreint sind. Es ist als Schule einer Familie organisiert, hat also einen sôke und die entsprechenden Hierarchien. Die TKSKR umgekehrt hat in einer ihrer Linien das moderne dankyû System adaptiert.
Ich verstehe den Begriff gendaibudô eher als einen politischen Begriff. gendai meint ja schlicht die gegenwärtige Zeit, die die Edo-Zeit Edo jidai abgelöst hat. D.h. der Begriff gendaibudô bezeichnet Schulen, die entstanden sind nach der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, nach dem Verbot, Schwerter zu tragen etc. ... nachdem also (zumeist) nur eine bestimmte gesellschaftliche Klasse budô üben konnte. David A. Hall nennt in seiner Enzyclopaedia als wesentliches Kriterium für gendai budô, daß sie "... for civilians" bestimmt waren.
Was gendaibudô als Erziehungssystem anbetrifft, so muß man bedenken, daß das in einem nationalistischen Kontext zu sehen ist. Vielleicht so ähnlich wie die Wurzeln unserer Turn- und Schützenvereine. Es ging dabei darum, eine "wehrfähige Jugend" zu bilden. Nachdem man zur Landesverteidigung nicht mehr auf eine Kriegerklasse zurückgreifen konnte, muß man dieses Problem auf andere, neue Weise lösen. Sugino Yoshio ôsensei kritisiert sehr deutlich, dieses Verpflanzen der alten budô in den Kontext des Schulunterrichts. Und ich vermute, daß dir die Inhalte des in einer solchen Weise als Erziehungssystem verstandenen budô denn eher doch nicht behagen würden.
Ich vermute, es ist ein Unterschied, ob man budô als ein theoretisches Konzept versteht, mit dem man sich intellektuell auseinandersetzt. Oder ob man es als mit Leben gefüllten kulturellen Aspekt unmittelbar erfährt. Ersteres wäre mir wohl auch fremd und würde mir nicht zu Identifikation taugen. Mit Letzterem mußte ich mich gar nicht gedanklich auseinandersetzen und irgendwann bewußt entscheiden, daß ich aikidô als budô verstehe, sondern es ist eher so, daß ich im Nachhinein beschreibe, was ich in meinem Üben erlebt habe.Warum sollte ich mich also mit einem Begriff identifizieren, der mir selber unklar ist, und völlig unterschiedliche, teils gegensätzliche Interpretationen und Bedeutungen hat?
[...]
Bei meinem letzten Beitrag ging es ja auch nur darum, dass ich den Begriff "Budo" nicht verstehe und ganz unterschiedliche Ansichten lese ...
Nebenbei bemerkt:
Mein Lehrer, der einer der Menschen ist, die mein Verständnis von budô wesentlich prägen - und der sowohl gendaibudô, wie auch kobudô unterrichtet - ist durch die Friedensbewegung zum aikidô gekommmen und übt auch vierzig Jahre später immer noch mit diesem Impetus.
Und ich selber habe ja auch nicht den allerkriegerischsten Brotwerberb und Lebensinhalt.





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