Es ist im aikidô ebenso, wie anderen japanischen - und chinesischen - klassischen Traditionen auch: Es gibt die omote-Aspekte, die öffentlich vermittelt werden und aber eben nur die Grundlage bilden, dafür, daß man mit dem eigentlichen Üben der jeweiligen Tradition überhaupt anfangen kann. Und es gibt die ura-Aspekte, die dann den eigentlichen Schülern vermittelt werden. Und auch die sind dann, je nach Schule unterschiedlich, noch einmal weiter nach Stufen unterschieden ...
Ob das für einen Übenden relevant ist, oder nicht, entscheidet der Übende doch jeweils selbst?
Manche Übende haben sich ganz bewußt dagegen entschieden, sich auf diesen traditionellen Weg einzulassen. Der ja dann eine sehr starke Abhängigkeit von dem jeweiligen Lehrer und der jeweiligen Tradition bedeutet. Der berühmte Satz von Gerhard Walter der sich ab einem bestimmten Punkt nicht mehr zum Affen machen wollte, ist ja legendär. Ich habe gerade kürzlich bei einem nei gong - Retreat einen langen Vortrag gehört über diesen Aspekt der "Unterwerfung" unter eine Tradition ...
... das muß man ja nicht wirklich mögen ... oder aber das eigene Leben macht es schlicht nicht möglich, sich in dieser Weise auf eine Tradition einzulassen.
Und besagter Gerhard Walter hat ja dann folgerichtig auch einen ganz eigene, neue Traditionslinie begründet, (deren Teil ich einige Jahre war, auch wenn ich bei ihm selbst nie geübt habe).
Ich sehe allerdings in Bezug auf das moderne aikidô ein wesentliches Problem darin, daß dort inzwischen zuallermeist das Üben der omote-Aspekte mit dem Üben der eigentlichen Tradition verwechselt wird. Daran mußte ich denken, als du vor kurzem den Unterricht von dôshu gepostet hast, im großen und Ganzen in der Annahme, bzw. mit der Aussage, das sei repräsentativ dafür, "was aikidô sei". Das ist es aber ganz ausdrücklich nicht. Und will und soll es nicht sein. Weder nach Aussage des dôshu, noch nach Aussage der Lehrer des hombu. Es ist lediglich der kleinste gemeinsame Nenner dessen, was öffentlich unterrichtet wird, so daß es möglichst eine gemeinsame Grundlage des Übens gibt. Was in diesen klassen im großen dôjô im hombu als kihon waza unterrichtet wird, beruht auf der Verabredung derjenigen Lehrer, die im Auftrag des hombu als Basis unterrichten.
Das eigentliche, fortgeschrittene Üben geschieht dann in den privaten dôjô der jeweiligen Lehrer. Oder auch in den geschlossenen Klassen im hombu.
Wenn einem diese gemeinsam Basis - also das omote des aikidô - für das eigenen Üben genügt und einem bietet, wonach man sucht, dann ist das prächtig. Aaaaber ob das weitere, tiefere Üben irrelevant ist, oder nicht, darüber entscheidet jeder Übende selbst.
Endô sensei - der viele Jahre offizieller "Außenminister" des hombu war und ebenso viele Jahre Vorsitzender der Prüfungskommission, die das kihon waza verantwortet, das im hombu geübt wird - nimmt dieses Üben im hombu manchmal als Hintergrundfolie, um zu fragen: Wollt ihr denn tatsächlich euer ganzes Leben lang immer nur dieses selbe üben? Wollt ihr denn nicht voranschreiten und euch darüber hinaus entwickeln? (Nebenbei: Auch Endô sensei und auch Christian Tissier unterrichten in ihren öffentlichen Seminaren ganz ausdrücklich anders, als in ihrem privaten Üben und Unterrichten. Das sagen sie ganz offen.)
Ein wesentlicher Aspekte von omote Fomen ist es - nicht in allen Schulen immer, aber doch häufig - daß sie noch keinen, bis wenig Konflikt zwischen den Partnern enthalten. Da zunächst Haltungen, Bewegungen und auch die äußeren Formen und Abläufe möglichst ungestört gelernt werden sollen. Darauf baut dann später das eigentliche Üben auf.
So entsteht im aikidô Eindruck des harmonischen Miteinander - wenn man nur diese Stufe des Übens kennt. Oder nur diese Stufe kultiviert. Das mag es ja auch geben.
Interessanterweise hat Shioda sensei in der Praxis exakt genau das unterrichtet, was man lernt, wenn bei "IMA-Anhängern eher die Rede von "Harmonie in sich" (Himmel-Erde-Mann)" ist. ;-)Hier bezieht er "Aiki" also auf die Harmonie zwischen zwei Gegnern, während in Büchern und Artikeln von IMA-Anhängern eher die Rede von "Harmonie in sich" (Himmel-Erde-Mann) oder mit dem Universum ist.
Sogar seine Begrifflichkeit ist - jedenfalls im Japanischen - ist in vielen Punkten identisch. Auch der Titel des Buches über Sagawa sensei hat eine Entsprechung bei Shioda sensei.
Was genau möchtest du denn mit deinem Zitat von Dan sagen oder belegen? Er steht u.a. in der Tradition des Übens von Sagawa sensei und der Satz: "Aiki is about training the body, only a fool thinks you can get it from practicing waza", ist das grundlegende Credo seines Übens.





Mit Zitat antworten