Mir ist immer noch nicht klar, wie man aufgrund der Diskussion hier oder auch im aiki-otoshi thread zu der Ansicht gelangen kann, hier würden Menschen diskutieren, die der Meinung seien, daß Naturgesetze - in welcher Weise das nun auch immer vorzustellen sei - nicht grundsätzlich und überall wirken würden?
Da stellt sich mir zunächst die Frage nach der Motivation einer naturwissenschaftlichen Erklärung: Ich z.B. brauche sie ausdrücklich nicht, um das, was mir meine Lehrer vermitteln, lernen und üben zu können. Und ich brauche ebenfalls keine naturwissenschaftliche Erklärungen, um das weiterzugeben und zu reproduzieren. Und das, obwohl mein aikidô-Lehrer Naturwissenschaftler ist. Und ca. 70% derjenigen, die mit mir üben, naturwissenschaftlich oder ingenieurwissenschaftlich forschen oder arbeiten. (Und ich selber da ursprünglich auch herkomme ...)... dann puhle ich auch bei scheinbar unerklärlichen Vorgängen, bis ich eine Erklärung gefunden habe, die mit den bekannten Naturgesetzen vereinbar ist. Das ist dem einen oder anderen vielleicht zu aufwendig, ...
In meinem persönlichen Falle ist mir die naturwissenschaftliche Betrachtung also nicht zu aufwendig, sondern sie entspricht schlicht nicht meinen Interessen.
Zum zweiten stellt sich mir die Frage nach den Limitationen solcher Erklärungsversuche aufgrund der individuellen Kenntnisse und Verstehensmöglichkeiten. Wenn man an die Schulzeit zurückdenkt, dann ist doch deutlich, daß nicht jeder, auch nicht jeder Interessierte, immer alles verstanden hat, was der Lehrer vorne versucht hat, zu verdeutlichen. Eine präzise naturwissenschaftliche Betrachtung ist in einem solchen Falle also nicht zu aufwendig, sondern vielleicht einfach "zu schwer". Und ich halte es für ein Kennzeichen von Erwachsen-sein und auch von Proffessionalität, sich der eigenen Limitationen bewußt zu sein.
Das ist - soweit ich es sehe - allerdings in der Diskussion hier bisher nicht geschehen, oder?... und dann wird eine Ersatzgröße in die Gleichung gebracht. Die heißt z.B. Qi, das ist sehr beliebt.
- "Hüllen um die Muskulatur" - Ich bin mir nicht sicher: Ist das nur eine flapsige Formulierung oder bist du tatsächlich der Ansicht, "die Faszien" seien lediglich "Hüllen um die Muskulatur"?Oder, auch recht beliebt seit einigen Jahren, sind die Faszien. Ich hab zwar noch nirgends eine gute Erklärung dafür gefunden, warum diese Hüllen um die Muskulatur nun so eine besondere Rolle spielen. Die waren ja auch vor 100 Jahren schon da. Wurde hier nicht sogar behauptet, man können sie gesondert "ansteuern"? [Nick-Nick?] Auf die Frage *wie? herrscht dann Schweigen.
- "auch vor 100 Jahren schon da" - Klar. Darum sind sie in den chinesischen und japanischen Traditionen ja auch seit vielen hunderten von Jahren beschrieben. Übrigens, wie ich finde, äußerst gut beschrieben. Ich war jedenfalls verblüfft, als ich das erste mal menschliches Fasziengewebe in echt gesehen und angefaßt habe, wie zutreffend die Bilder sind.
Sodann: Ida Rolf - die übrigens Biochemikerin war - hat in den 40er Jahren begonnen die Strukurelle Integration als Methode zu entwickeln ... sind nicht ganz hundert Jahre, aber immerhin ... und sie selbst hat ja auch nicht bei Null angefangen.
Ich denke "neu" ist vor allem die Begrifflichkeit. Und die Popularität dieser Kenntnisse. Das Phänomen als solches und die Arbeit damit ist uralt.
- "Wurde hier nicht sogar behauptet, man können sie gesondert "ansteuern"? [Nick-Nick?]" - Nick-Nick erinnere ich nicht explizit. Aber ich habe das verchiedentlich gesagt. Gemeint ist damit zum einen die Wahrnehmungsfähigkeit für dieses stark mit Nervenzellen besetzte Gewebe zu erhöhen. (Was in unserem nei gong übrigens ein Aspekt dessen ist, was wir unter "qi" verstehen: Die "Ausdehnung des Gehirns" in den Körper hinein mittels verbesserter Rezeptionsfähigkeiten.) Zum anderen geht es darum immer mehr Spannung der Muskeln abzubauen, so daß die faszialen Strukturen mehr Raum gewinnen und vor allem immer weniger daran gehindert werden, ihre natürliche "Form" einzunehmen. Entschuldigung ... ich kann's nicht wirklich klug darstellen.
- "Auf die Frage *wie? herrscht dann Schweigen."
Für eine theoretische Einführung finde ich nützlich:
Ida Rolf: Rolfing, 1977
Eric Franklin: Dynamic Alignement through Imagery, 2012, 2nd Edition (deutlich empfehlenswerter, als die erste Auflag von 1996)
Thomas Myers: Anatomy Trains, 2009 2nd Edition (auch da empfehle ich mindestens die zweite Auflage, die einen kurzen Abschnitt zu der Parallelität von myofaszialen Meridianen und Meridianen der chinesischen Medizin hat; die späteren Auflagen habe ich nicht rezipiert)
In der Praxis geht es ganz konkret um dieses "wie" sowohl im aikidô, wie ich es kennenlerne und übe, als auch in dem nei gong unserer Schule. Die ersten Jahre geht's quasi fast um nix anderes ... und auch das Reden von "qi" hat unmittelbar damit zu tun und ist also sehr somatisch verstanden und erlebbar. Und auch das Üben bei Dan Harden war zunächst auf nix anderes ausgerichtet, als auf dieses "wie?".
D.h. Schweigen herrscht hier, in einem Internet Forum. Im Unterricht - wie ich ihn erlebe - ist das Thema dagegen sehr präsent. Und die Übung, um die es mir hier geht, ist die allererste und grundlegendste dazu. Bei alldem, was ich dazu geschrieben habe, steht also genau dieses "wie?" im Hintergrund.
Aber auch ein solches magisches Verständnis hat doch hier in der Diskussion niemand vertreten?Also der Wunsch nach einfachen Erklärungen scheint mir hier der Vater des Gedanken, oder eben die Vorstellung, dass es so einfach doch nicht sein kann, und dass dieses oder jenes nur durch Kräfte (oder gerne auch "Energien") bewirkt wird, die nur die Eingeweihten kennen.
Ich denke, ich habe eine Idee davon, gegen welche Positionen und Vorstellungen sich deine Einwände richten. Nur, die finden sich eben nach meiner Wahrnehmung hier überhaupt nicht.





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