Zitat Zitat von Gibukai Beitrag anzeigen

die Eingangsfrage des verlinkten Artikels lautet „Quo Vadis, Karate?“, wobei ich die Argumentation der Autoren ziemlich naiv finde, da sie scheinbar Sport-Karate als Ausgangspunkt nehmen, um dann zu dem Ergebnis zu gelangen, dass wohl drei Arten von sportlichen Wettkämpfen die nähere Zukunft von Karate (d. h. Sport-Karate) bestimmen sollen. Um diesen Artikel in „ArchBudo“ veröffentlichen zu können, mussten sie umgerechnet mehr als zweitausendfünfhundert Euro zahlen – und der „Mehrwert“ für Leser besteht dann tatsächlich darin, „Karate“ (Sport-Karate) als Wettkampfsport erklärt zu bekommen.
Henning Wittwer
Sehr gut erkannt, der Artikel liest sich generell wie von einem Menschen geschrieben, der sich wichtig machen will, jedoch nicht wirklich viel von der Materie versteht. Wenn ich schon solche Glanzstücke lese wie in seiner Introduction:

For the multi-million audience, the attraction is not only the knockout of the opponent, when the competitors fight in a vertical position. The norm in MMA is to massacre a lying opponent. Meanwhile, such a model contradicts both the criteria of self-defence [34, 7, 35], as well as the provisions of the Olympic Charter and the philosophy, ethics, and social mission of sport [36, 37]

Ich habe noch nie mitbekommen, dass ein Mensch bei einem MMA Kampf auf dem Boden massakriert wurde, dass der Verlierer eines Straßenkampfes hingegen „massakriert“ wird wenn er am Boden liegt kommt durchaus vor. Faktentechnisch ergibt diese Aussage also schonmal keinen Sinn, solche absichtlichen Falschdarstellungen passen nicht zu dem wissenschaftlichen Niveau, das der Herr vortäuschen will. Da will sich wohl jemand als „großer Name“ in der Szene in Stellung bringen mit ein paar windigen Veröffentlichungen.

Zitat Zitat von Katamaus Beitrag anzeigen
Im Gegensatz zu den Autoren denke ich, dass das heutige Sport-Karate längerfristig dem Untergang geweiht ist, aber vielleicht schließe ich da zu sehr aus meinem Umfeld. Er Wettkampf als mittlerweile zentrales Element hat den Breitensport medial an den Rand gedrängt, weil sich die Protagonisten in ihrem Olympiawahn erträumt haben, damit irgendwie gut Kohle machen zu können, was imho zum Scheitern verurteilt ist. Dafür wird es nie attraktiv genug sein und je unrealistischer es im Bezug auf Kämpfen wird, desto unattraktiver wird es auch für die Zuschauer.

Ich sehe da eher den umgekehrten Trend: das Thema SV wird in der Gesellschaft immer wichtiger (auch zu erkennen an dem blühenden Bunkaiismus). Somit hat „ursprünglicheres“ (was man darunter auch immer verstehen will - ist ja nen eigenen Faden wert) Karate, wie z.B. diverse Okinawa-Stilrichtungen aber auch Shotokan, wenn es sich wieder mehr auf die Ausbildung auch kämpferischer Fähigkeiten als Teilaspekt konzentrierte. Ich denke, dass die Ideen des Gründers auch in der heutigen Zeit noch attraktiv sind. Es muss sie halt auch jemand lehren.
Genau, die Zeiten werden härter und damit einher gibt es auch mehr und mehr Menschen, die sich mit dem SV Aspekt befassen.
Es ist immer das selbe Problem. Um die Techniken mit Widerstand zu üben muss man eine Art Sportsystem mit Regeln erschaffen, damit die Leute üben können ohne sich gegenseitig umzubringen. Und irgendwann verselbstständigt sich das alles, da eine relativ kleine Gruppe der Trainierenden sich voll auf den Erfolg im Sport versteift und eine Menge Techniken ausführt, die im Regelsystem Punkte bringen, aber im echten Leben tödlich sind. Da kommen dann die Videos her von Leuten, die z.B. in einem Straßenkampf minutenlang den anderen am Boden in einem Rear Naked Choke halten, nur um einen Fußtritt gegen den Kopf von seinem Kumpel sich einzufangen.
Das sickert dann irgendwann zur breiten Masse durch und diese orientiert sich dann wieder in Richtung eines anderen Kampfsport, der mehr „Wehrhaftigkeit“ verspricht. Karate kam in den 60ern groß raus, da die damaligen Kämpfer jeden verwursten konnten, der mit Ihnen fegen wollte. Judo ebenso. Aikido war mal in den 90ern die Mega-Kunst, da viele an die Unbesiegbarkeit des Aikidoka glaubten. BJJ explodierte die letzten 20 Jahre, aber da man da auch weggeht von der Selbstverteidigung hin zum Turnier löst sich da grade der Hype auf. Immer wenn sich zeigt, dass die Kämpfer einer Kampfkunst nur noch in Turnieren punkten können, aber im echten Leben als Sandsäcke herhalten interessiert sich die breite Masse nicht mehr dafür. Deswegen ist ja heute alles MMA und Muay Thai, weil da noch nicht so viele Videos rumkursieren von im Straßenkampf versagenden Kämpfern.

Eine Kampfsportart kann nur dauerhaft erfolgreich sein, wenn Sie auch tatsächlich auf den Ernstfall vorbereitet. Wenn man hingegen der Logik dieses Autoren folgt, dann gäbe es bald nur noch Karate als Turniersystem und dann wäre Karate effektiv tot. Keine Kampfkunst kann überleben, wenn Sie sich zu sehr von Ihrer Wurzel, der Selbstverteidigung, dem Kampf, entfernt. Denn dann könnte man ebensogut auch Stockschießen oder Golfen, da kann man auch Turniere bestreiten, nur mit weit weniger Verletzungsgefahr.

Deswegen explodiert ja auch HEMA, während (Sport)Fechten zur Randerscheinung geworden ist. Es ist dem normalgeistigen Menschen nicht zu vermitteln, warum bei einem Doppeltreffer der um eine 1/10 Sekunde schnellere den Treffer zugesprochen bekommt, wenn in der Realität jetzt beide tot wären.