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In den chin. KK kam es anscheinend ja auch, mit Beginn der chin. Republik Anfang des 20. Jhd., zu einem Niedergang der KK. Sobald Leute nicht mehr gezwungen sind ihr Leben von den kämpferischen Fähigkeiten abhängig zu machen kommt es anscheinend zu einer Verflachung und "Vergeistigung". Auch im Militär verflacht das Wissen um den unbewaffneten Kampf, da es, mit Einführung der Schusswaffen, zu einer komplett anderen Kriegsführung und damit Ausbildung gekommen ist.
In den allermeisten KK beruhte der unbewaffnete Kampf auf den gleichen Prinzipien wie der bewaffnete (zumindest in den meisten chin KK und dem Karate, bei den Koryu kann ich es nicht sicher sagen), lediglich das "Instrument" (Speer, Schwert, Hiebwaffe, "leere" Hand) erforderte eine minimale Anpassung an die spezifischen Gegebenheiten. Schusswaffen beruhen jedoch nicht auf Körpermechanik...
Wurden KK früher also von Leuten betrieben die an harte körperliche Arbeit gewöhnt waren (Soldaten/Söldner, Handwerker, Dorfbewohner, Farmer) und die in kleinen Gruppen ausgebildet wurden (KK-Schulen im Rahmen von Begleitdiensten, Militärausbildung) kam es im Laufe der Zeit zu einer "Neuausrichtung". Soldaten/Söldner hatten keine Verwendung mehr für die "alte" Ausbildung, da sich die Bewaffnung und Kriegsführung änderte und die Sozialstruktur änderte sich dahin, dass Zivilisten nicht mehr gezwungen waren um ihr Leben zu kämpfen, zumal die meisten auch im Militär ihre kämpferische Ausbildung erhielten und das dann im privaten Umfeld weitergaben. Industrialisierung und Verstädterung taten dann ihr übriges.
Es kam dann schnell dazu, dass KK von verkopften "Gelehrten" gelernt wurden, die weder körperliche Arbeit kannten noch ihr Können jemals ernsthaft unter Beweis stellen mußten. In einigen Traditionen wurde dann noch Wert auf die Ausbildung bestimmter körperlicher Attribute gelegt, aber oft wurden diese anscheinend als "zu anstrengend" empfunden und entweder weggelassen oder nicht ausreichend intensiv trainiert. Stehen im tiefen Mabu, jeden Tag 1-2 Stunden? Makiwaratraining täglich 1 Stunde? Arbeit mit schweren Geräten (Stöcken, Waffen)? 1 Stunde Formen im tiefen Stand laufen?
Vieles von dem, was wir heute als "Grundtechniken" kennen oder auch als "Grundlagenkata" dient zu allererst der körperlichen Ertüchtigung und der motorischen Schulung. Jemand, der an tägliche harte Arbeit gewöhnt ist, wird sich damit im Zweifelsfall weniger lange aufhalten müssen als ein verkopfter Schüler, aber ohne Ausbildung eines KK-Körpers wird es nichts werden. Tägliches Schwitzen, tägliche Schmerzen sind die Basis für jede KK.
Jetzt kommt das entscheidende: Man muss lernen andere Leute mit vollem Kontakt anzugreifen und seinen Körper einzusetzen und genau daran scheitert es bei sehr sehr vielen. Schützer sind da mehr als kontraproduktiv.
Unterschiedliche KK haben da unterschiedliche Methoden entwickelt. Die chin. KK gehen über die Nahdistanz (Tuisho) ohne Schlagen zur Nahdistanz mit Schlagen zum Schlagen ohne vorherigen Kontakt, was dazu führt das zuerst Greifen (Chinna) und Werfen gelehrt wird und dann Schlagen. Sie lehrt quasi das Fundament zuerst und dann die Erweiterung, denn es ist Wurst ob ich schlage oder mit einer Waffe agiere, das Prinzip dahinter bleibt das Gleiche. Auf Okinawa schien es früher auch so rum gewesen zu sein (erst Greiftechniken und Wurftechniken -> Tegumi) dann der Rest (auch mit Waffen!!!). Itosu war evtl. der Erste, der das änderte und durch Einführung des Kihon Ippon die Distanzangriffe als erstes setzte (ob es vor ihm Partnerformen wie das Kihon Ippon gab weis ich nicht).
Das Bridging (Überwindung der Distanz in den Angriffsbereich, bzw. Annahme des Angriffs) ist in den chin. KK, wie gesagt, fortgeschritten, die Konzepte der Annahme ebenso. In dieser Übungsform lernt man mit allem was man hat reinzusemmeln und dem Gegenüber harten Kontakt zu geben, während das Verletzungsrisiko recht gering ist. Hat man die Annahme der Distanz verstanden, kann der Angriff freier werden und immer weniger kooperativ, ohne das das Verletzungsrisiko steigt, da der "Empfänger" des Angriffs immer besser in der Annahme wird.
In den chin. KK hat er zu dem Zeitpunkt des Bridging schon die Ganzkörperbewegung verinnerlicht, im Karate lernt er dieselbe durch das Annehmen in den Partnerübungen und die Kata, bzw. das Makiwara.
Alles steht und fällt mit der Ganzkörperbewegung und den Methoden der Annahme. Um die Ganzkörperbewegung (im Karate Chinkuchi und Gamaku) zu können bedarf es harten körperlichen Trainings, um die Methoden der Annahme zu können bedarf es der richtigen Bilder und der Ganzkörperbewegung.
Hartes körperliches Training setzt eine Hingabe an die KK voraus, denn nur so kann man sich tgl. über Jahre schinden. Die richtigen Bilder setzt eine enge Bindung an einen Lehrer voraus, der diese Bilder ebenfalls kennt. Um jedoch die Ganzkörperbewegung und die Formen der Annahme selbst ausbilden zu können ist ein Lehrer nötig, der beides kann und einen beides spüren lässt als Schüler braucht man das taktile Feedback des Lehrers.
Wenn man sich das einmal vor Augen führt, dann versteht man, finde ich, ziemlich leicht warum es zu einer solchen Verflachung der KK gekommen ist. Oft wurde auf Ausbildung der körperlichen Attribute nicht mehr so viel wert gelegt, die "Intellektuellen" nahmen sich der KK an, verfassten Bücher und gründeten "Institute" oder "Vereinigungen". Sie redeten miteinander über KK anstatt für sich selbst zu trainieren und zu schwitzen. Diese Leute wurden als "große Lehrer" angesehen und die damaligen (und auch heutigen) Gesellschaftssysteme verboten es sie in Frage zu stellen (wenn es Leute wie Motobu oder Daoxin taten wurden sie gehasst). Die Institute und Vereinigungen wiederum produzierten viele Schüler die die "KK" der "großen Lehrer" in die Welt trugen, nur war von "Kampf" nicht mehr viel über...
Kann man ja ein wenig drüber nachdenken auf welcher Basis man anfängt eine neue Form zu gründen. Die Leute früher haben so etwas: