MR: [...]
Mit der Schreckreaktion arbeiten MR In Berkeley, an der University of California, haben wir mit Paul Ekman und Robert Levenson noch andere Experimente gemacht, die meiner Meinung nach ganz gut zu diesem Konzept des reinen Gewahrseins passen. Dabei ging es um den Schreckreflex, der auftritt, wenn jemand zum Beispiel überraschend mit einem lauten Geräusch konfrontiert wird. Es ruft einen ausgeprägten überraschten Gesichtsausdruck hervor, oft ein heftiges Zusammenzucken des Körpers und eine meßbare physiologische Reaktion (Puls, Blutdruck, Hauttemperatur etc.). Wie alle Reflexe spiegelt der Schreckreflex Hirnaktivitäten wider, die normalerweise außerhalb der willkürlichen Steuerung liegen. Je heftiger Menschen reagieren, desto stärker sind oft die negativen Gefühle wie Angst oder Abscheu, die sie empfinden. In unserem Fall hatten die Wissenschaftler die Grenzen des Erträglichen für das Hörvermögen gewählt, eine laute Explosion wie ein Gewehrschuß oder ein Feuerwerkskörper, der neben dem Ohr gezündet wird. Manche Menschen sind besser in der Lage als andere, die Schreckreaktion im Zaum zu halten, aber im Lauf der For-
schungen hatte sich gezeigt, daß von den paar hundert Menschen, die getestet worden waren, niemand das Verziehen des Gesichtes und das Zusammenzucken des Körpers verhindern konnte. Einige Leute fielen fast vom Stuhl und zeigten ein paar Sekunden später einen erleichterten oder amüsierten Gesichtsausdruck. Doch als wir den Versuch aus der Präsenzoder Achtsamkeitsmeditation heraus machten, löste sich die Schreckreaktion buchstäblich in nichts auf.
WS:
Obgleich du nicht wußtest, was geschehen würde?
MR
Bei einigen Versuchen konnte man sehen, wie auf einem Bildschirm von zehn auf eins heruntergezählt wurde, bevor es knallte, bei anderen wußte man nur, daß es innerhalb von fünf Minuten passieren würde. Die Meditierer wurden entweder gebeten, einfach nur dazusitzen oder sich in einen bestimmten Meditationszustand zu begeben. In der Präsenz- oder Achtsamkeitsmeditation kam mir das Explosionsgeräusch weicher und weniger durchdringend vor. Achtsamkeit ist ein Zustand von klarer Bewußtheit, in dem der Geist weit ist wie das Firmament. Der Geist ist nicht auf etwas ausgerichtet, und doch ist er extrem klar und präsent, lebendig und transparent. Normalerweise ist er in diesem Zustand frei von uIIJ.herschweifenden Gedanken, aber sie werden nicht absichtlich blockiert oder am Auftauchen gehindert. Gedanken lösen sich in nichts auf, noch während sie entstehen. Wenn es dir gelingt, in diesem Zustand zu verweilen, dann macht dir der Knall der Explosion viel weniger aus. Tatsächlich kann er die Klarheit des achtsamen Zustands sogar noch verstärken.
WS
Wenn die Aufmerksamkeit also nicht auf einen bestimmten Inhalt fokussiert ist
MR
- der Geist aber auch nicht abgelenkt wird.
WS
Es wird lediglich das Fenster der Aufmerksamkeit weit geöffnet
MR
- ja. aber ohne irgendein Bemühen. Es gibt kein mentales Geplapper und keine besondere Konzentration auf Aufmerksamkeit. nur das Verweilen im reinen Gewahrsein. ohne darauf fokussiert zu sein. Ich kann es nicht besser beschreiben: Es ist etwas Leuchtendes. Klares und Stabiles. ohne daß man danach verlangt. In diesem Geisteszustand ruft die Explosion fast keine Reaktion im Gesicht hervor. Als wir das Experiment bei zwei anderen Gelegenheiten wiederholten. habe ich versucht. mich in einen grüblerischen Zustand zu versetzen und bildhafte Vorstellungen zu beschwören. indem ich mich beispielsweise lebhaft an einen Morgen erinnerte. als wir in Tibet in schwierigem Gelände unterwegs waren. und an all das. was damals geschah. Ich wurde völlig von meinen Gedanken vereinnahmt.
Internes Geplapper oder Verweilen im Hier und Jetzt
WS
Und du nennst das internat chattering. inneres Geplapper?
MR
Man kann das als inneres Geplapper. als Grübeln oder als mentales Konstruieren bezeichnen. Als die Explosion stattfand. befand ich mich in diesem sehr abgelenkten Zustand. und ich zuckte heftig zusammen. Meiner Meinung nach brachte mich der Knall schlagartig zurück in die Realität des gegenwärtigen Augenblicks. von dem ich. versunken in meine Gedanken. so weit entfernt gewesen war. Doch wenn du im Zustand reinen Gewahrseins bleibst. befindest du dich immer in der Frische des Augenblicks. Dann ist die Explosion lediglich einer von diesen Augenblicken. Du mußt nirgendwohin zurückgebracht werden, du bist bereits da. Wenn unter normalen Umständen irgendein überraschendes Ereignis eintritt, während du mit den Gedanken gerade woanders bist, dann muß die Aufmerksamkeit sofort dahin gelenkt werden, das kann überlebenswichtig sein. Möglicherweise mußt du die Beine in die Hand nehmen und laufen, so schnell du kannst. In einer solchen Situation wird die Schreckreaktion um so stärker sein, je weiter dein Geist abgeschweift war.
WS
Die Schreckreaktion wäre demnach das Ergebnis einer Verlagerung von Aufmerksamkeit von konkreten, erinnerten oder im Augenblick erfahrenen Ereignissen auf einen neuen unerwarteten Reiz.
MR
Ja, oder von irgendwoher auf den gegenwärtigen Moment.
WS
In einem Zustand reiner Bewußtheit wärst du also vollkommen in der Gegenwart, die Aufmerksamkeit wäre auf hohem Niveau, aber nicht gerichtet.
MR
Und doch steht sie voll und ganz zur Verfügung.
WS
Der Fokus der Aufmerksamkeit ist also weit geöffnet, das Gehirn auf alles vorbereitet, die Kognition an kein bestimmtes Ereignis gebunden. Die Schreckreaktion würde demnach ausbleiben, weil die Aufmerksamkeit von keinem bestimmten Inhalt abgelöst werden muß. Entweder es bleibt wenig Raum für Überraschungen, weil alles erwartet wird, oder aber das Gehirn ist vom Sensorium abgekoppelt, weil alle Aufmerksamkeit auf innere Zustände versammelt wurde. Ich vermute, daß in Trance oder paradoxen Schlafphasen ähnliches geschieht.