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Du mißverstehst mich scheinbar. Die Aussage, daß kyû-Prüfungen als vorbereitende Graduierungen nicht durch das hombu reglementiert sind und vielmehr - aus Sicht des hombu - jedes dôjô so verfahren mag, wie es dort jeweils angemessen und richtig erscheint, impliziert m.E. keinesfalls, daß kyû-Prüfungen sinnlos wären.
Warum folgt denn für dich das eine aus dem anderen?
Hat sich erledigt durch die Klarstellung, dass jeder Shihan, aber nicht jedes Dojo, verfahren mag wie es ihm angemessen und richtig erscheint. Die allerwenigsten Aikidoka sind ja wohl direkte Schüler eines Shihans in dessen Dojo.

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Es wird in beiden Videos dasselbe kihon waza gezeigt. Ob man das nun in den freien Fall wirft oder zur Rückwärtsrolle, ist doch davon unbenommen? Das hängt doch nur vom Niveau ab, dem eigenen und dem des Partners.

Ich gehe offen gesagt davon aus, daß ein Prüfling das, was gefragt wird, so verinnerlicht hat, daß es sich anfühlt, als habe der Lehrer das Gefragte gerade eben erst vorgemacht. Das Auswendiglernen und Abrufen können der Techniken ist aus meiner Sicht nicht etwas, das in einer Prüfung gezeigt und bewertet werden sollte. Sondern es ist nach meinem Verständnis lediglich eine Bedingung dafür, daß eine Prüfung überhaupt sinnvoll stattfinden kann. Der Prüfer möchte die Ausführung einer bestimmten Technik sehen und bewerten. Er sagt sie an und der Prüfling weiß worum es geht. Dann beginnt das, worum es in der Prüfung geht.
Bei einer Prüfung wird also vor allem die Qualität der Ausführung der verlangten Techniken, also ihr Niveau überprüft? Aber ist das dann formell und nachvollziehbar geregelt oder liegt alles im Ermessen des Prüfers?


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Ich verstehe insgesamt nicht wirklich den Zusammenhang zwischen Youtube, Videos, Namenslisten ... usw. mit der Prüfung im eigenen dôjô. Ich gehe bisher davon aus, daß die Prüfungen sich mit dem befassen, was innerhalb des eigenen dôjô unterrichtet und geübt wird. Und was also den Schülern entsprechend gut vertraut ist. Mir ist bisher nicht klar geworden, wie ein Video von Christian Tissier oder eine Prüfungsordnung von Asai sensei helfen können bei einer Prüfung vor einem Lehrer, der weder zu dem einen noch zu dem anderen einen Bezug hat.
Das Thema Prüfungen war zwar recht aufschlussreich, weil ich vieles, was hier geschrieben wurde, bisher nicht gewusst habe, war aber nur eine Abschweifung vom ursprünglichen Faden. Solange ich nur in dem Dojo meiner Lehrer übe, sind Prüfungen für mich weniger wichtig.

Ich möchte, solange es die Gelegenheit dazu gibt, möglichst viel von dem mitnehmen, was meine Lehrer vermitteln wollen. Die äußere Form der Techniken ist da nur Voraussetzung für das Üben. Wir sollen beim Üben die Aufmerksamkeit gerade nicht auf Details der Technik lenken, was meist die (aufrechte) Haltung und damit den Bewegungsfluss stört. Da es aber viele Formen, also Kombination von Angriffs und Verteidigungstechniken gibt, kann ich mir die seltener gezeigten durch den Unterricht alleine nicht merken.

Daher brauche ich eine Gedächtnisstütze und dafür haben sich (YouTube)-Videos als für mich am geeignetsten erwiesen. Im Vergleich zu Videos anderer Aikikai-Shihans kommen die Videos über Aikido-Techniken von Tissier dem am nächsten, was ich im Dojo von meinen Lehrern sehe, auch wenn sie meines Wissens nie Schüler von ihm oder seiner Linie waren. Es mag Unterschiede im Detail geben oder welche, die ich auf meinem Level noch gar nicht erkenne, aber insbesondere die Demos aus Tissiers "Vol 1. Immobilizations" und "Vol 2. Projections" erfüllen den Zweck perfekt, mich an die von meinen Lehrern gezeigten Formen zu erinnern.

Die prinzipielle Frage dahinter ist: gibt es ein Aikido? Sind die verschiedenen Linien des Aikikai nur unterschiedliche, sich ergänzende Perspektiven auf ein und denselben Elefanten Ueshibas*? Oder gibt es eine Evolution von einer wachsenden Zahl von Aikido-Stilen, die sich immer weiter voneinander weg entwickeln und bald nichts mehr mit einander zu tun haben außer historischen Wurzeln und ggf. einer organisatorischen Klammer. Jedenfalls hat es mich die Aussage schon überrascht und enttäuscht, dass man beim Wechsel einer Linie möglicherweise nicht nur aus formalen sondern auch aus inhaltlichen Gründen "alles noch einmal von Grund auf neu lernen" muss.


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*) Metapher von Peter Goldsbury, siehe Transmission, Inheritance, Emulation 11