Ich betreibe neben Karate auch seit mehr als 15 Jahren intensiv Ju-Jutsu und kann mich nur anschließen: eine einheitliche Definition des JJ ist heute ungemein schwer. Das hat mehrere Gründe.
Zum einen wird JJ in Bayern durch Ergänzungen in der PO etwas anders betrieben als im Rest von Deutschland. Zum Beispiel in bei Gegen- und Weiterführungstechniken keine Atemi erlaubt, was das Reagieren mit Hebeln oder Würfen deutlich besser schult. Gerade dieses Einüben von Gegenreaktionen im Flow-Prinzip hat mir bei Auseinandersetzungen bisher immer am besten geholfen, weil die Sachen instinktiv kamen.
Dann kommt hinzu, dass sich das Ju-Jutsu von Verein zu Verein teils massiv unterscheidet. Das hat in meinen Augen mit der 2000er Reform zu tun, da hierdurch unterschiedlichste Einflüsse von außen hinzukamen. Je nachdem welchen Background die Trainer oder Mitglieder haben, entsteht am Ende ein ganz anders JJ. Hinzu kommt, was die Trainierenden wollen. Ich habe von pseudojapanischem "Tschiuu-Tschitsu" mit Klangschale und allem Drum-und-Dram, über FMA-lastiges JJ, Krav-Maga-artiges JJ, BJJ-lastiges JJ, reines Leistungssport JJ, altes vor-2000er-Reform-Akido-Judo-Karate-Irgendwas-Mischmasch-JJ bis zu einem eher Thai-/Kickbox-JJ und MMA im Gi schon vieles gesehen. Mal besser, mal schlechter, aber eigentlich null vergleichbar.
In einigen Vereinen oder auf Lehrgängen wurde man von der Matte geschickt, wenn der Gürtel gekreuzt, statt gewickelt war, oder man ein T-Shirt unter dem Gi trug, weil das nicht "traditionell" sei (welche Tradition denn bitte?). In anderen Vereinen wird nicht einmal angegrüßt und in Shorts und T-Shirt trainiert. Die Spannweite ist groß. Auch von quasi Null-Kontakt bis Vollkontakt.
Die Rolle rückwärts, die in Teilen des Verband betrieben wird, fällt mir schon seit mehreren Jahren negativ auf. Auf der anderen Seite findet aber auch eine extreme Versportlichung des JJ statt, die dem entgegenläuft. Beides entfernt das JJ von dem, was es in meinen Augen eigentlich sein sollte - ein SV-System, dass sich immer wieder neu erfinden und anpassen sollte. Das wie ein Schwamm Techniken aufsaugen und integrieren sollte, ohne einen budoromantischen Ballast und ohne Leistungssportorientierung - eine Art deutsches Krav-Maga.
Die Traditionalisten haben mit dem Integrieren von Kata die Richtung eingeläutet. Grundsätzlich finde ich Kata gut, aber da wo sie hingehört, wie z.B. ins Karate. Da ist sie Bestandteil des Lehrgebäudes, aber im JJ hat Kata nichts verloren. Genauso wenig wie Hanbo-Jutsu, Kyushu oder was weiß ich was. Mindestens genau so missfällt mir der immer größer werdende Trend hin zur Ne Waza im JJ. Was soll das? Das treibt das JJ nur weiter in die Sport Richtung. Wer reinen Bodenkampf machen möchte, der möge doch bitte im BJJ oder Luta Livre gehen. Aus diesem und anderen Gründen widme ich mich seit einigen Jahren wieder vermehrt dem Karate, da es hier in meinen Augen langsam wieder in eine richtigere Richtung geht - zumindest bei einigen. Wobei es hier im DKV ja auch ordentliche Grabenkämpfe um die Ausrichtung des Karate, vor allem des Shotokan, geht.




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