Ich finde, die Entwicklung des Diskurses ist deutlich interessanter als die (sachbezogenen) Inhalte des Diskurses selbst. Es zeigt sich aus meiner Sicht, dass die Frage nach Flach- oder Kugelerde soziales Sprengmittel darstellt, obwohl es letztlich um "nichts" geht. Man kann zu jedem Argument ein Gegenargument finden oder erfinden. Man kann seine Meinung behalten oder dank Erfahrung verändern, also neues Wissen aufnehmen oder altes Wissen umformen. Kognitives Lernen. Für mich spannend ist halt immer die Frage, was machen die Themen mit mir selbst - oder besser: nicht die Themen, sondern die Aufbereitung derselben durch Diskurse (wodurch die Themen natürlich erst entstehen).

Lange glaubten die Menschen an die flache Erde. Nun glauben sie an eine runde, weil sie glauben, mehr zu wissen aufgrund anderer Erfahrungen durch Entwicklung und Einsatz von Technik und Berechnung. Innerhalb der angewandten Paradigmen ist alles nachvollziehbar. Die Argumente der Flach- und Kugelerdler kenne ich nicht im Detail, allerhöchstens sehr grob. Wichtig ist für mich die Einsicht, dass Dinge niemals abschließend geklärt sind - so sicher sie auch scheinen mögen.

Was in der Diskussion untergegangen ist, für mich aber wichtig erscheint, ist die Unterscheidung zwischen "Erde" und "Welt"; man denke nur an den Film "Krieg der Welten" - nicht etwa "Krieg der Erden". "Welt" umfasst je nach Wissensstand des Einzelnen oder der Gesellschaft unterschiedliche Ansichten über die Gesamtheit, nämlich über alles, was ist. Das heißt, die Erde ist nur eine Teilmenge der Welt selbst und hängt maßgeblich von den vorhandenen Diskursen ab.