Interessanterweise ist im aikidô die Partner(uke)-Rolle nicht in gleicher Weise fest definiert, wie die Rolle von ukedachi/kirimkomi/... in den kenjutsu. Weder die konkrete Ausführung eines bestimmten Angriffs, noch das ukemi wurden historisch unterrichtet, bzw. tradiert. Was wir heute als ukemi kennen, ist in vieler Hinsicht eine relativ "neumodische Erfindung".
Wenn das Ziel ein möglichst flüssiger Bewegungsablauf ist, z.B. um ein Flow-Gefühl zu erzeugen, wie du ja schon manchmal geschrieben hast, dann ist es natürlich von Vorteil, wenn einer der beiden Partner aufgrund seiner Erfahrung in der Lage ist, diesen Bewegungsablauf aufrechtzuerhalten, auch wenn es bei dem anderen Partner in irgendeiner Weise hakt.
Ich kenne das als eine Weise, Anfänger die äußere Form einer Technik zu unterrichten. Ich beschreibe nicht verbal, was sie tun sollten, sondern versuche durch mein Verhalten als uke ihren Körper unmittelbar spüren zu lassen, wie sich ihre Technik entwickeln sollte.
Da es in meinem Üben und Unterrichten aber gerade nicht um das Erzeugen eines Flow Gefühls geht und da die Phase, in der es um das Lernen der äußeren Gestalt einer Technik geht, ja vorübergeht, ist dieser Aspekt der uke Rolle aus meiner Sicht eher nicht charakteristisch für die Aufgabe von uke.
Ich teile Ellis' Verständnis der uke Rolle nicht. Zum einen, da es eben keine "historische Tradition" einer "korrekten" uke-Rolle gibt. Zum anderen, weil unterschiedliche Schüler von Ueshiba unterschiedliches uke-Verhalten aus ihrer jeweiligen Interpretation der waza hervorgebracht haben.Wobei Ellis Amdur wiederholt die Auffassung geäußert hat (z.B. hier), dass im Aikido eigentlich Nage derjenige ist, der Uke erzieht, indem er ihm die Erfahrung des aus-dem-Gleichgewicht-gebracht, geworfen und/oder gehebelt werden vermittelt.
Das freut mich. Für mich ist das nicht so selbstverständlich.
Ich suche im keiko eines budô keinen "Bezug zum täglichen Leben, der über Kampfkunst hinausgeht". Sondern ich versuche mich in dem jeweiligen budô selbst zu üben. Und das, was in dieser Schule tradiert wird, so gut zu verstehen, zu lernen und zu üben, wie es mir möglich ist.
Insbesondere im Üben des Curriculums einer koryû entdecke ich keinen unmittelbaren alltäglichen Bezug: Ich habe gestern lange daran gearbeitet mein Schwert "richtig" zu ziehen. Für diese Arbeit sehe ich gewiß keine alltägliche Verwendung. Und doch war es gestern Nachmittag wesentlicher Inhalt meines keiko - und wird es auch weiterhin immer wieder sein.
Inryoku hat es ja schon geschrieben:
Es geht darum, das zu lernen und zu üben, was eine bestimmte Schule überliefert.
In Bezug auf aikidô gibt es ja Bewegungen, wie z.B. aiki extensions oder Dergleichen. Ich sehe das kritisch und halte es für ein Mißverstehen dessen, was ursprünglich mit aiki gemeint ist. Jedenfalls ist es in Bezug auf die TSKSR - mindestens auf den ersten Blick - klarer, daß man das, was im keiko geübt wird, nicht im Alltag anwenden wird. Und dennoch besteht ein tiefes comittment gegenüber der Schule und dem Üben des Überlieferten.
Daher hast du - jedenfalls meiner Ansicht nach - einen wesentlichen Aspekt des Übens, wie ich es verstehe, erfaßt:Der Wert des Übens liegt in sich selbst.
Ich weiß nicht, ob du schon einmal bei einer japanischen Teezeremonie warst? Natürlich lassen sich alle einzelnen Details auch praktisch herleiten. Nichtsdestotrotz weist der Vollzug auf sich selbst zurück. Aus meiner Sicht ist das der wesentliche Aspekt des Ganzen. Und so auch im aikidô - oder TSKSR: Man übt, um dem näher zu kommen, was geübt werden soll.
Wie Inryoku schreibt: Um "genau das zu machen was überliefert wurde, in dem Fall Budo zu üben, und nicht irgendwas." Und das geschieht, indem man "das Alte studiert" und "seine Haltung überdenkt". Meditieren, stehen, aikidô üben, kenjutsu üben, der Etikette folgen ... zweckfrei ... um schließlich zu erleben, daß und wie einen gerade solches Üben im Laufe der Zeit transformiert.
Technisch betrachtet lernt man - so, wie ich es verstehe - im eigenen Körper aiki zu entwickeln. Und mittels aiki die Kontrolle über die Struktur eines anderen Körpers zu übernehmen. Die im Rahmen des keiko geübten Techniken sind - nach meinem Verständnis - idealtypische Möglichkeiten, wie die Struktur eines anderen Körpers mittels aiki kontrolliert und bewegt werden kann."Ist es allerdings ein fundamentales Mißverständnis, im Sparring dann nach irgendwelchen konkreten (Aikido-)Techniken zu suchen", stellt sich die Frage, was man eigentlich im Keiko lernt.
Der shihan, bei dem ich übe, betont immer wieder den Unterschied zwischen kata und waza: Kata als das, was während des keiko als festgelegte Form geübt wird. waza als das, was in der freien Begegnug zweier Körper - auf der Grundlage des Geübten - je aktuell entsteht und wirkt. Mein Lieblingszitat von ihm: "Practice basics. - Be as free as nature."





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