Moin,
ich zitiere mal in Auszügen aus dem Spiegel plus Artikel "Warum starb Mouhamed Dramé"...
"Am 30. Verhandlungstag, es ist der 4. Dezember, gehört das letzte Wort im Saal 130 des Dortmunder Landgerichts den Angeklagten. Fünf Polizisten, die beschuldigt werden, für den Tod des Geflüchteten Mouhamed Dramé vor zweieinhalb Jahren verantwortlich zu sein, könnten jetzt sprechen. Vier von ihnen ziehen es vor, zu schweigen.
Dann drückt die Polizistin Pia B. den Knopf, um das Mikrofon an ihrem Platz einzuschalten. Sie würde, sagt die Angeklagte B., gern etwas sagen, unabhängig vom Ausgang des Verfahrens. »Am Ende bleibt die Tatsache, dass Mouhamed nicht mehr am Leben ist.« Es wird still im Gerichtssaal, 15 lange Sekunden Schweigen.
B. muss sich sammeln. Sie ringt mit den Worten. »Das hat keiner von uns gewollt. Das kann man nicht mehr rückgängig machen.« Ein Umstand sei das, »mit dem müssen die Angehörigen, aber auch ich, wir jetzt irgendwie klarkommen. Und das tut mir unfassbar leid für alle Beteiligten.«
Die Polizistin nennt nur den Vornamen des Toten. »Mouhamed«. Sie ist damit nicht allein. Vor jedem Prozesstag steht draußen vor dem Landgericht eine Mahnwache. Man kann dort T-Shirts kaufen mit dem Porträt von Mouhamed Dramé. Und dem Slogan: »Justice for Mouhamed«.
Pia B. weint. Auch Lassana und Sidy Dramé, die beiden 24 und 37 Jahre alten Brüder des Toten, weinen. Es sind in diesem Gerichtssaal nicht ihre ersten Tränen. Sie sind nach dem Tod ihres Bruders aus dem Senegal angereist und Nebenkläger im Prozess.
Diagnose: Depressiv, aber nicht suizidal
Ihr Bruder wird am 8. August 2022 in Dortmund von fünf Polizeikugeln getroffen, abgefeuert aus einer Maschinenpistole. Er hatte psychische Probleme. Einen Tag vor den tödlichen Schüssen läuft er nachts zur nahe gelegenen Polizeiwache Nord. Die Polizei bringt Dramé damals in eine Psychiatrie, dort wird er untersucht. Schwere depressive Episode, aber nicht suizidal, so lautet die Diagnose. Er kehrt zurück in die Jugendhilfeeinrichtung, in der er untergebracht war.
Am Tag darauf lehnt er am Nachmittag an einer Kirchenmauer im Garten seiner Unterkunft, ein Küchenmesser in seiner Hand. Ist nicht ansprechbar, reagiert nicht auf seine Betreuer. Die rufen aus Sorge, er könne sich etwas antun, die Polizei. Zwei Zivilbeamte sprechen ihn um 16.44 Uhr auf Deutsch und auf Spanisch an. Als Polizisten geben sie sich nicht zu erkennen. Sie fordern Dramé auch nicht auf, das Messer hinzulegen. Der Senegalese zeigt keine Reaktion, die Beamten ziehen sich zurück.
Nur eine Minute später erteilt Dienstgruppenleiter Thorsten H. seiner Kollegin Jeannine B. die Order: »Vorrücken und Einpfeffern. Das volle Programm. Die ganze Flasche!«. Zweimal wiederholt er den Befehl. B. funkt zurück: »Alles klar.«
Der Plan des Beamten war, dass Dramé daraufhin das Messer fallen ließe. Es war nicht der erste gemeinsame Einsatz der Polizisten, etwa 20 Mal im Jahr hätten sie es mit vergleichbaren Fällen zu tun, hieß es im Prozess. Bisher sei immer alles glattgegangen. An diesem Tag geht alles schief.
Dramé lässt das Messer nicht fallen. Er steht auf, geht los, nach rechts. Hinter ihm eine Mauer, links von ihm eine kleine Nische, vor ihm ein etwa 1,80 Meter hoher Metallzaun mit Spitzen. Rechts ist der Ausweg, doch dort stehen, wie auch hinter dem Zaun, weitere Polizisten. Zwei Beamte, Markus B. und Pia B., schießen mit Tasern auf ihn. Die erwünschte Wirkung bleibt aus, Dramé läuft weiter. Dann schießt Fabian S.
Dramé, der, so hieß es, unbedingt nach Dortmund kommen wollte, weil er den Fußballverein BVB so verehrte, stirbt um 18.02 Uhr in einem Dortmunder Krankenhaus.
Die Polizisten werden nach dem Tod erst als Zeugen geführt, dann werden sie zu Beschuldigten. Schütze S. wird vom Dienst suspendiert, die anderen Beamten in den Innendienst versetzt. Noch vor Prozessbeginn wertet die Dortmunder Staatsanwaltschaft den Einsatz als »nicht verhältnismäßig«.
Oberstaatsanwalt Carsten Dombert, 61, steht am Montag vergangener Woche im Gerichtssaal, eine Hand hat er auf den Richtertisch gelegt. Er hält sein Plädoyer: »Reflexhaft« seien Stereotypen aus der linken und aus der rechten Ecke bedient worden. Von rechts habe es geheißen: »Was läuft der denn mit einem Messer auf Polizisten zu, da ist er doch selbst schuld.« Von links dagegen habe es den Vorwurf der rassistischen Polizei gegeben. »Man hatte keine Aktenkenntnis und war aber auch nicht vor Ort – und trotzdem wussten alle Bescheid«, sagt Dombert.
Es gab schon schnell nach dem Tod auf beiden Seiten scheinbare Gewissheiten über den Fall. Jeder hatte seine Wahrheit. Dabei war das wenigste klar. Es ging schon mit der Frage los: Wer war Mouhamed Dramé?....
Mitschnitte gibt es, Bewegtbilder nicht
Und die Wahrheit der Polizisten? Wenige Stunden nach den tödlichen Schüssen verbreitete die Dortmunder Polizei auf X den Satz, dass ein »16-jähriger junger Mann die Polizisten mit einem Messer angegriffen« habe. Dafür konnte im Prozess laut Oberstaatsanwalt Dombert kein Beleg gefunden werden. Dass Dramé in Richtung der Polizisten lief, ist unzweifelhaft. Doch wie schnell er auf sie zulief, darüber gibt es unterschiedliche Zeugenaussagen.
Es gibt akustische Mitschnitte von den Ereignissen im Garten der Jugendhilfeeinrichtung: Der eingehende Notruf wurde aufgezeichnet, er ist rund 20 Minuten lang und endet, als die Schüsse fallen. Es gibt den Funkverkehr der Beamten im Einsatz. Was es nicht gab, sind Bewegtbilder: Die Kameras der Body-Cams waren nicht eingeschaltet.
Auf die Frage, warum er nicht gewartet habe, auf einen Psychologen, Spezialkräfte oder einen Dolmetscher, sagt Dienstgruppenleiter H. im Prozess: »Sollte ich warten, bis Dramé sich das Messer in den Bauch rammt und zwölf Polizisten stehen herum und haben nichts gemacht?« Die Frage, die nun stattdessen über allem steht, lautet: Wenn da zwölf Polizisten um einen Lebensmüden mit einem Messer herumstehen, warum liegt Dramé schließlich tot am Boden, erschossen von der Polizei?
Der Prozess begann Ende Dezember 2023, ursprünglich waren elf Prozesstage avisiert, ein Urteil sollte im April 2024 gefällt werden. Doch schnell zeichnete sich ab, dass dieser ambitionierte Zeitplan nicht funktionierte: zu umfangreich die Zeugenliste, dazu viele Experteneinlassungen, zu schleppend lief der Prozess an.
Am ersten Montag im Dezember, etwas weniger als ein Jahr nach Prozessbeginn, fordert der 61-jährige Oberstaatsanwalt Dombert einen Freispruch für den Polizisten S., der auf Dramé schoss. Er habe damals nicht erkennen können, ob Dramé flüchten oder angreifen wollte. Auch drei weitere der Angeklagten seien freizusprechen. Die Hauptschuld sieht Dombert bei Dienstgruppenleiter H. Der habe einen Einsatzplan »ohne eigenes Bild der Lage« entworfen und »dann stumpf die erste Planung in die Tat umgesetzt«. Zehn Monate Haft auf Bewährung hält Dombert für angemessen. Bei dieser Strafe würde H. seinen Beamtenstatus nicht verlieren.
Wenn die Einschätzung der Lage durch den Dienstgruppenleiter H. falsch war, hätten seine Untergebenen das erkennen und widersprechen können? An diesem Sommertag in Dortmund gab es keine Widerrede.
War es eine rassistische Tat? Nebenklageanwältin Lisa Grüter sagt, »keinem der Angeklagten könnte persönlich nachgesagt werden, dass er explizit rassistische Ansichten vertrete«. Doch »die Frage, ob die Situation genauso ausgegangen wäre, wenn der weiße Leon im Garten seiner Eltern in der Dortmunder Südstadt mit einem Messer gehockt hätte, darf man stellen«, sagt sie in ihrem Plädoyer. Pfefferspray, Taser und die Waffe waren ohne Androhung eingesetzt worden. Eine Androhung dieser Zwangsmittel wäre, sagt Grüter, »definitiv drin gewesen«. Die zehn Monate für H., die die Staatsanwaltschaft fordert, hält sie für zu gering. Für ihn fordert sie eine höhere Strafe.
Nach Grüter plädieren die Anwälte der Beamten, sie fordern Freisprüche.
Pia B., die Polizistin, die mit einem Taser auf Mohamed Dramé schoss, und die einzige Beamtin, die die Gelegenheit für ein letztes Wort nutzt, sagt zum Schluss: »Ich persönlich habe in der Situation einfach keinen anderen Ausweg gesehen.«
Ein Urteil wird am 12. Dezember erwartet."
https://www.spiegel.de/panorama/dort...a-d1faaee09b59




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