Zitat Zitat von period Beitrag anzeigen
Das ist sicher so, gilt aber in beide Richtungen. Folglich ist der Sieg von Pereira - einem herausragenden Striker - gegen Ankalaev - einen bestenfalls mittelmässigen Ringer und begrenzt effizienten Grappler - schwerlich als Zeichen einer Kehrtwende zu werten.



Dass die Grappler bei solchen Vergleichen von "reinen" Stilisten dominieren, wussten wir bereits aus den Vergleichen Boxer vs. Grappler aus der ersten Hälfte des 20. Jh. "Einfacher" - na ja. Technisch ist Grappling immer komplexer als Striking, schon allein aufgrund der höheren Anzahl möglicher Techniken, die zum optimalen Funktionieren aber ebenso sehr gedrillt werden müssen wie die Schläge und Tritte eines Strikers.



Moment mal: viele der Regeln gehen zugunsten der Striker. Das fängt bei den jeweils im Stand begonnenen Runden und den Handschuhen an (die es im Pankration früher wohlgemerkt nicht gab), geht über den Käfig als solchen, Verbot von Slams mit dem Kopf voraus, Verbot von headbutts (die es nur in einer einzigen Striking-Disziplin gibt, aber vielen Grapplern aufgrund des intensiven Nackentrainings liegen), Verbot von gouging, fishhooking etc. Sogar das Verbot von 12-to-6 elbows schützt auch die Striker, weil die normalerweise unten landen.
Und das Publikum LIEBT Striker. Das zeigt sich auch daran, wie schnell beispielsweise ein Pereira einen Titelkampf bekam, und wie lange die dagestanischen Grappler üblicherweise darauf warten müssen. Gute Striker haben typischerweise sehr schnell eine grosse Fanbase, die nicht selten argumentiert, dass ihr Lieblingsstriker das Patentrezept gegen die Grappler gefunden hätte.



Also erstmal: standup ist nicht gleich striking, da takedowns zum standup gehören. Ja, wir haben viele der weltbesten striker nie im MMA gesehen, das gleiche gilt aber für die Mehrheit der weltbesten Grappler. Das Striking im MMA kann sich grundsätzlich nur noch auf zwei Weisen entwickeln:
1. höherer Wirkungsgrad der ausgeführten Techniken
2. bessere Taktik gegen Grappler
Im Gegensatz dazu gibt es fast unzählige Grapplingtechniken, die man im MMA selten bis nie gesehen hat. Ergo ist das Potenzial des Grapplings im MMA zumindest ebenfalls keineswegs ausgeschöpft.

Was das Doping angeht - das betrifft Striker ebenso wie Grappler. Man kann das unterschiedlich betrachten, aber grundsätzlich gibt es ein ganzes Spektrum zwischen "die sind eh alle gedopt" und "es gilt die Unschuldsvermutung, bis ein positiver Dopingtest vorliegt". In letzterem Fall sollte man berücksichtigen, dass die Anwendung von PEDs recht erfolgreich verschleiert werden kann.


Der "Dagestan-Bodenkampf" ist grundsätzlich takedown => top control => finish aus der top position, also grundsätzlich Grappling basierend auf einer ringerischen Herangehensweise (im Gegensatz zu den BJJ-Taktiken in der Frühzeit des MMA, wo häufig guard gezogen wurde). Solange die Striker den Takedown nicht verhindern, selbst vom Boden wieder aufstehen und submissions respektive ground and pound zuverlässig vermeiden können, ist die Herangehensweise m.E. noch lange nicht "geknackt".
Ich denke nicht, dass Grappling komplexer ist als Striking. Er ist aus meiner Sicht andersherum. Es gibt im Striking auch quasi unendlich viele Kombinationen. Das kann also nicht der Maßstab sein. Denn sowohl im Grappling also auch im Striking sind nur wenige Kombinationen wirklich erfolgversprechend. Die Anzahl von Kombinationen ist deswegen aus meiner Sicht keine Messlatte für Komplexität.

Striking ist deswegen komplexer, weil es viel schwieriger ist, damit jemand zu besiegen als durch Grappling. Man muss schlicht viel besser sein im Striking als der Grappler im Grappling. Ein mittelmäßiger Grappler wird einen sehr guten Striker, der wenig vom Bodenkampf versteht, mit hoher Wahrscheinlichkeit besiegen, und ein sehr guter Grappler einen mittelmäßigen Striker auf jeden Fall. Und das sollte nicht so sein.

Der Striker hat ein viel kleineres Zeitfenster als der Grappler, um zu gewinnen (für den entscheidenden Schlag oder die Kombination).

Mit "geknackt" meinte ich, dass Grappling und Bodenkampf größtenteils verstanden worden und damit - wenn man so möchte - ausgeforscht sind. Da ist technisch nicht mehr viel zu verbessern.

Das ist im MMA-Striking anders, weil es oft Boxen-/Kick-Thaiboxen durch die Hintertür ist gemischt mit bekannten Abwehrtechniken aus dem Ringen zum Beispiel.

Eine eigene MMA-Striking Schule, die explizit den Schwächen des Boxens-/Kick-Thaiboxens Rechnung trägt und versucht, den Standkampf strukturell zu verändern und damit erfolgversprechender zu machen, ist aber nach rund 30 Jahren Sport-MMA noch nicht entstanden.