In diesem Thread wurde zu Beginn von Dorschbert der freundliche Hinweis gegeben, dass er das Latosa-System aufgrund seiner Reduktion aufs (vermeintlich) Wesentliche sowie das zugrundeliegende Short-Power-Konzept recht ansprechend findet und er stellte die gute und berechtigte Frage, ob man groß, schwer und muskulös sein sollte zur effektiven Nutzung/Umsetzung des Latosa Stils.
Im Laufe der Diskussion wurden verschiedene Latosa Escrima Lehrer genannt und es wurde teilweise diskutiert, ob diese Latosa Escrima Lehrer auch wirklich Latosa Escrima betreiben oder eher etwas anderes. Das erscheint mir ein sehr wichtiges Thema zu sein, zumal der Stilgründer René Latosa, der zu Lebzeiten die verschiedenen Latosa Escrima Lehrer mit unterschiedlichen Qualitätsmerkmalen bewertete (diese Bewertungen werde ich hier auch auf Nachfrage nicht aufschreiben, da sich jeder ein eigenes Bild machen muss von der Qualität verschiedener Latosa Escrima Ausbilder), leider nicht mehr lebt.
In der heutigen Zeit wird durch AI, durch die sozialen Medien und durch die ständig sinkenden schulischen Anforderungen immer weniger die Fähigkeit geübt, die Argumente und Gegenargumente für eine bestimmte Sichtweise abzuwägen und aufgrund der eigenen Abwägung aller Argumente zu einer gut begründeten Schlussfolgerung zu gelangen. Daher ist es leicht, den Begriff „Latosa Escrima“ für die absurdesten Techniken und Konzepte zu verwenden. Hinzu kommt, dass Kampfkunst-Politik eine ehrliche Abwägung und Bewertung erschweren könnte und dass auch Unwissen zu unabsichtlichen Halbwahrheiten führen könnte. Daher im Folgenden der Versuch, ganz ohne Politik einem Interessenten zu ermöglichen, durch eigenes Nachdenken und Ausprobieren einen geeigneten Latosa Escrima Lehrer oder eine gute Latosa Escrima Lehrerin zu finden.
Folgende Fragen könnten einem Interessenten helfen, der selbständig herausfinden möchte, ob ein Ausbilder Latosa Escrima unterrichtet oder etwas anderes:
1) René Latosa hat stets „keep it simple“ und eine Handvoll Grundschläge sowie die Figure-8 in den Fokus seines Escrimas gestellt. Für ihn war wichtig, dass die wenigen Latosa Escrima Techniken möglichst einfach bleiben und dafür mit Schlaghärte und Vorwärtsdruck ausgeführt und auch mit der Figure-8 Logik trainiert werden. Wer in den Internet-Suchmaschinen „Latosa Escrima“ eingibt, sieht Ausbilder mit imposanten Titeln aller Art, seien es Latosa Escrima Titel oder Wettkampftitel oder sonstige Titel, deren Schüler keinen einzigen harten Schlag mit Waffen oder waffenlos ausführen können, keine Figure-8 hinbekommen und falls sie einmal aus Versehen hart zuschlagen fallen sie ohne Balance über die eigenen Füße. Anstelle einfacher Grundschläge werden unter der Bezeichnung „Latosa Escrima“ manchmal komplizierte Techniken ausgeführt, auf den ersten schwachen Schlag folgt die zweite schwache Abwehrtechnik und dann kommt es zu einem Konzert schwacher und oft komplizierter Schläge.
René Latosa betonte immer „there are no blocks in Latosa Escrima“. Wenn in einer Latosa Escrima Schule daher Fortgeschrittene Blöcke ausführen, dann spricht eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, dass es sich nicht im eine Latosa Escrima Schule handelt, sondern um etwas anderes. Dass man selbst im Latosa Escrima Anfängern eine Art von „Block“ zeigen kann, damit sie später bestimmte Konzepte besser einordnen können, steht dem nicht entgegen.
Kurz gesagt: Wenn in einer Latosa Escrima Schule nicht das „keep it simple“, eine Handvoll einfacher Grundschläge sowie die Figure-8 im Training betont werden und wenn Fortgeschrittene Escrimadore Blöcke ausführen, spricht eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, dass es sich um keine Latosa Escrima Schule handelt.
2) René Latosa hat immer die Balance und Vorwärtsdruck betont. Latosa-Push-Pull-Techniken, um in Notwehr die körperliche und/oder innere Balance des Angreifers brechen zu können, waren ihm immer sehr wichtig. Für ihn war auch zentral, dass jederzeit mit beiden Beinen ansatzlos getreten werden kann (bei Fortgeschrittenen dann auch mit Short Power). Daher empfiehlt es sich zu schauen, ob die Fortgeschrittenen in einer Latosa Escrima Schule auch Vorwärtsdruck haben, Latosa-Push-Pulltechniken beherrschen und ansatzlos mit beiden Beinen und mit Short Power treten können. Wenn Übungen für den Vorwärtsdruck und das Balance-Brechen nicht ein zentraler Punkt im Unterricht sind, ist Vorsicht geboten, denn es könnte sich um etwas anderes als Latosa Escrima handeln.
Kurz gesagt: Wenn in einer Latosa Escrima die fortgeschrittenen Schüler keine Latosa-Pushtechniken, keinen Vorwärtsdruck und keine ansatzlosen Tritte beherrschen, spricht eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, dass es sich um keine Latosa Escrima Schule handelt.
3) „Learn to think“ war für René Latosa von größter Wichtigkeit. Das führt zur Ausgangsfrage von Dorschbert zur Größe, Gewicht und Kraft. René Latosa hat hervorgehoben, dass seine Schüler selbständig und kreativ denken müssen, damit sie die Techniken individuell passend gestalten können. René Latosa hat nie Klone von sich gewollt, sondern dass jeder seiner Schüler die eigenen Stärken und Schwächen berücksichtigt bei seinem individuellen Latosa Escrima. René Latosa hat seinen Töchtern für sie geeignetes Escrima gezeigt und selbstverständlich hatte das Latosa-Push-Pull für seine Töchter einen anderen Anwendungsbereich als für einen 120 Kilo Mann. René Latosa hatte immer das klar geäußerte Bestreben, dass seine Schülerinnen und Schüler besser werden sollen als er selbst je war. Auch hat René Latosa eine beständige Weiterentwicklung aller Techniken und Prinzipien verlangt.
Kurz gesagt: Wenn in einer Latosa Escrima Schule die fortgeschrittenen Schüler nicht eigenständig kreativ denken oder zu Klonen ihres Lehrers werden und wenn im Training einer 50 Kilo Frau dieselben Trainingsschwerpunkte gesetzt werden wie bei einem 120 Kilo Mann, spricht eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, dass es sich um keine Latosa Escrima Schule handelt.
4) Dorschbert hat die Short-Power erwähnt. Ein Interessent sollte sich einen Eindruck davon verschaffen, ob in einer Latosa Escrima Schule die fortgeschrittenen Schüler Short Power in allen Körperteilen (auch beispielsweise in den Schulterstößen) entwickelt haben und weiterhin intensiv an deren Entwicklung arbeiten. Allerdings kann es hier bei einem Anfänger auch leicht zu Fehlvorstellungen kommen. Es gibt in den sozialen Medien Videos, bei denen Kampfkunstlehrer aller Art vorgeben, beispielsweise bei Schlägen auf den Sandsack ihre Short Power zu zeigen, in Wirklichkeit aber den Sandsack herumschubsen ohne in diesen Short Power Energie abzugeben. Im Training wird jedenfalls fühlbar, ob die Fortgeschrittenen ihre Schläge, Tritte und Stöße auch mit Short Power ausführen können.
Kurz gesagt: Haben die Fortgeschrittenen, die in einer Latosa Escrima Schule trainieren, keine Short Power, spricht eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, dass es sich um keine Latosa Escrima Schule handelt.
5) Für René Latosa war die Transition sehr wichtig. Daher sollte ein Interessent schauen, ob der Lehrer in einer Latosa Escrima Schule und ob die Fortgeschrittenen in dieser Schule die Übertragung von diversen Waffen auf das Waffenlose und auch umgekehrt die Übertragung vom Waffenlosen auf die Waffen durchdacht haben und sinnvoll erklären können.
Für René Latosa war wichtig, die Transition und auch die anderen Latosa Prinzipien in Übungen und auch im Sparring anzuwenden und auf die Probe zu stellen. Das Entfernen von Techniken und Konzepten, die sich in der Praxis nicht bewähren, war für René Latosa stets entscheidend. Daher sollte ein Interessant auf die Frage, welche der bisherigen in der jeweiligen Escrima Schule unterrichteten Techniken aufgrund der Praxiserfahrungen zumindest im Training der Fortgeschrittenen entfernt wurden, auch eine wohlbegründete Antwort erhalten. Wenn umgekehrt in einer Latosa Escrima Schule die Fortgeschrittenen sich dadurch auszeichnen, dass sie deutlich mehr Techniken beherrschen als die Anfänger ist große Vorsicht geboten: Latosa Escrima zeichnet sich viel mehr durch das Wegstreichen von Techniken im Laufe der Entwicklung eines Latosa Escrimadors aus als durch das Hinzufügen von Techniken. Wenn man im Internet sieht, wie manche ihr Escrima als „Latosa Escrima“ bezeichnen und dabei gleichzeitig jedes Jahre 1001 neue Techniken aus 1001 Nacht hinzufügen, dann wünscht man sich ein bisschen mehr Mitdenken von allen Beteiligten.
Kurz gesagt: Haben die Fortgeschrittenen, die in einer Latosa Escrima Schule trainieren, keine Transition und verproben sie diese sowie die weiteren Konzepte nicht auch im Sparring und werden Techniken und Konzepte, die die Fortgeschrittenen einer Escrima-Schule trainieren nicht Schritt für Schritt weniger, sondern im Laufe der Zeit immer mehr, spricht eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, dass es sich um keine Latosa Escrima Schule handelt.
6) René Latosa hat sein Escrima primär für die Selbstverteidigung entwickelt. Sein Ziel war, dass jeder der Latosa Escrima lernt, mit einer größeren Erfolgswahrscheinlichkeit seine Familie und auch Dritte verteidigen kann und dabei auch genügend milde Mittel lernt, um den Notwehrwerfordernissen stets Rechnung zu tragen. „There are no guarantees“ wurde beständig von ihm betont, daher ging es immer nur um die Erhöhung der Erfolgswahrscheinlichkeit der Verteidigung im Rahmen der individuellen Möglichkeiten jedes Trainierenden und um das gleichzeitige Erkennen der individuellen Beschränkungen und Schwächen. Wenn ein Latosa Escrima Interessent daher den Eindruck gewinnt, dass das Training in einer Latosa Escrima Schule die Wahrscheinlichkeit eines Gefängnisaufenthaltes wegen Notwehrüberschreitung und/oder die Wahrscheinlichkeit der nicht erfolgreichen Abwehr eines Angriffs eher erhöht als reduziert, spricht eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, dass es sich um keine Latosa Escrima Schule handelt. Zum Gewinnen einer Selbstverteidigungssituation zählt natürlich auch jede Selbstverteidigungssituation, die mit verbaler Deeskalation gewonnen wurde. Fortgeschrittene Escrimadore können mit dem Gehirn und mit ihren Worten deutlich mehr Auseinandersetzungen vermeiden oder beenden als mit Hand oder Faust oder Schulter und das Nutzen des Verstandes in der Notwehr war für René Latosa stets von allergrößter Bedeutung. Wenn das die fortgeschrittenen Escrimadore in einer Latosa Escrima Schule nicht begriffen haben oder wenn Trainerinnen und Trainer entgegen dem Latosa Prinzip „there are no guarantees“ wirklichkeitsferne Versprechen über die Effektivität ihres Systems abgeben oder wenn Latosa Escrima Trainer behaupten, noch nie in Notwehrsituationen den Kürzeren gezogen zu haben, spricht eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, dass es sich im keine Latosa Escrima Schule handelt.
Kurz gesagt: Wenn in einer Latosa Escrima Schule nicht die Verbesserung der Erfolgswahrscheinlichkeit der Verteidigung im Fokus steht, wenn die eigenen individuellen Schwächen nicht erkannt werden oder wenn Märchen über die Verteidigungsfähigkeiten verbreitet werden, spricht eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, dass es sich im keine Latosa Escrima Schule handelt.
7) Hinweis: Manche der o.g. Prinzipien kann ein Anfänger auch dadurch verproben, dass er den Fortgeschrittenen in einer Latosa Escrima Schule die Hand schüttelt. Wenn die fortgeschrittenen Männer und Frauen die Hand des Interessenten mit zu viel Kraft zudrücken, haben sie offenbar Ego-Probleme und die Trainerin oder der Trainer haben mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit einen schlechten Job gemacht. Es verlieren viel mehr Menschen Selbstverteidigungssituationen durch Ego-Probleme als durch zu wenig Kraft oder Schnelligkeit. Wenn die fortgeschritten Männer und Frauen einer Escrima-Schule umgekehrt im Training mit schweren Waffen keine Kraft in den Händen und Unterarmen aufweisen, spricht eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, dass es sich um keine Latosa Escrima Schule handelt.
8) In einer Latosa Escrima Schule lernt schon ein Anfänger in den ersten Stunden die Grenzen einer waffenlosen Verteidigung und dass sich die „bessere“ Waffe in geübten Händen fast immer gegen die in der jeweiligen Einzelfallsituation „schlechtere“ Waffen durchsetzt. Auch hier kommt wieder das von René Latosa immer betonte Prinzip „There are no guarantees!!!“ zum Tragen. Jeder fortgeschrittene Latosa Escrimador muss wissen und auch im Training regelmäßig praktisch erfahren haben, dass ihm seine Kraft und sein Gewicht und seine Reichweite - so groß sie auch sein mögen - und seine schönsten Latosa-Escrima-Techniken gar nichts helfen gegen eine erzürnte 75 jährige Dame, die nur einen Bruchteil seiner Kraft und seines Gewichts und seiner Trainingserfahrung hat, wenn diese Dame ihre Kastanienmesser oder Cold Steel Master Hunter zu führen und ansatzlos aus ihrer Handtasche zu ziehen weiß. Daher wird sich ein fortgeschrittener Latosa Escrimador sowohl aus Menschenfreundlichkeit als auch aus Klugheit stets durch eine freundliches, höfliches und in jeder Hinsicht korrektes Verhalten auszeichnen. Freundlichkeit und Höflichkeit gegenüber Frauen, Männern, Kindern, Hunden, Katzen, sonstigen Tieren und in jeder Situation. Herzlichkeit, Humor, Freundlichkeit, Höflichkeit und eine positive Lebenseinstellung retten in angespannten Situationen viel mehr Leben als Escrimatechniken, das haben alle guten Latosa Escrima Ausbilderinnen und Ausbilder natürlich erkannt.
Kurz gesagt: Wenn in einer Latosa Escrima Schule die Freundlichkeit, Höflichkeit und Bescheidenheit fehlen, spricht eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, dass es sich um keine Latosa Escrima Schule handelt.
Viel Spaß beim Training und viel Spaß im Leben!
Baumgarten





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