Über den Wolters muss man wohl nicht viel sagen.
Ich habe von Pädagogik keine Ahnung, aber wenn ich lese, wo er das japanische "Mittelalter" verortet und was er über Shintô schreibt, sind das derartig grobe Mängel, dass ich persönlich im Grunde sofort aufhören würde zu lesen.
Natürlich weiß ich, woher diese Fehler stammen, man kennt ja die eigene Fachliteratur auch ein wenig. Allerdings zeugt es nicht besonders von Genauigkeit, wenn jemand sich solche Standardsachen wie den Bellah über Edo-zeitliche Religion nicht zu Gemüte führt und stattdessen den Staatsshintô des späten 19. Jahrhunderts für die Samurai einnimmt. (Natürlich gab es ähnliche Ideen im Bereich der Kokugaku schon zuvor, aber das gehörte nicht wirklich zum gesellschaftlichen "Kanon".)
Auch die Interpretation des Zeichen 武 (bu) ist leider nicht so eindeutig, wie sich das der Herr Wolters, aber leider auch der geschätzte Rambat das vorstellt.
Tatsächlich ist Zeichenetymologie etwas ziemlich schwieriges und wandlungsfähiges, sodass sich hier selten eine einzelne richtige Aussage finden lässt.
Vergleicht man beispielsweise die Etymologie bei Sears und bei Morimoto, dann findet man gänzlich andere Erklärungen, die aber beide nicht falsch sind und ich wette, wenn ich den 13bändigen Morohashi vom Dachboden hole, dann stehen da noch ein, zwei andere.
Natürlich sind manche Erklärungen wahrscheinlicher als andere, es ist aber nie auszuschließen, dass auch weniger wahrscheinliche nicht maßgeblich die Ideen des einen oder anderen Autoren beeinflusst haben.
Was die Pädagogik in den KK angeht, muss man hier vermutlich ein wenig zwischen alten und neuen KK trennen.
Während die Koryû im Grunde immer eine individuelle Sache waren, weil es keinen Massenunterricht gab, keine wirklich organisierten Kampfverbände (abseits der eigenen "familiären" Kampfgruppe) und schon aufgrund der regionalen Verwurzelung (mit allem Pipapo, regionale Gottheiten, lokalen "Tugenden" usw.), waren die modernen Budô-Arten (allem voran das Jûdô) auf eine massige Verbreitung ausgelegt. Kanô wurde zum Vater der Leibeserziehung und im Rahmen der Nationalisierung im auslaufenden 19./frühen 20. Jahrhundert hat militärischer Drill schon in den frühesten Klassenstufen Einzug gehalten. War in Deutschland ja nicht anders.
Dies natürlich auch, weil die Kampfkünste bestimmte Sekundärtugenden "einfordern" und dementsprechend auch fördern. Vieles davon galt aber eh als reine Manifestation dessen, was die Gemeinschaft sowieso als "Japanisch-sein" bezeichnet hat.
Weitere Tugenden wurden über die Erziehung eingeimpft. Primär ist hier das Kaiserliche Erziehungsedikt zu nennen, welches einen guten Überblick über das liefert, was man in den Kinderköpfen verankert sehen wollte. Dies waren, wenn auch durch die Autoren des Edikts ursprünglich nicht explizit so gewollt, im Grunde die üblichen konfuzianischen "Konstanten", welche man als besonders "Japanisch" auffasste. Ferner "Kaisertreue" und "Kindliche Pietät" (die gar als räumlich und zeitlich universelle Tugenden interpretiert wurden - wie unsinnig das auch sein mag).
Die Koryû nehme ich aus diesem Wahnsinn mal raus, weil der didaktische und kulturelle Hintergrund ein anderer war. Dementsprechend kann man sagen, dass ein Japaner der Edo-Zeit in vielen Belangen mehr Individualität besaß als ein Japaner der Meiji-/Taishô-Zeit.
Um mal aufs eigentliche Thema zurückzukommen, bin ich eher bei Rambats Meinung.
Ich denke, dass Dinge wie "Pünktlichkeit" usw. sich in erster Linie aus dem Hierarchischem Setting ergeben. Dieses hat man aber auch in jedem Mannschaftssport und auch sonst jedem Verein, der sich an feste Trainingszeiten halten muss.
Unter Umständen hat jemand diese Sekundärtugenden von zuhause aus gar nicht mitbekommen, dementsprechend bekäme er sie also über die Kampfkünste, sie sind dadurch aber noch lange kein Alleinstellungsmerkmal derselben.
Ansonsten immer schön aufpassen mit der Budô-Romantik und bitte die "Friedlichen Krieger" im Schrank lassen. Das entbehrt jeglichen historisch einigermaßen nachweisbaren Gegebenheiten.




