Hallo,

„Visualisierung“ habe ich vor allem von O. Aoki (geb. 1948), einem Kikō-Lehrer (jap. für Ch’i-Kung) kennengelernt, der gleichzeitig Karate-Trainer in der JKA ist. Er lernte sein Kikō von K. Nishino (geb. 1926). Von O. Aoki gibt es keine Übungen im Netz, aber von K. Nishino. Ein längerer Film von ihm ist jetzt aber nur noch als Schnipsel einsehbar:

https://www.youtube.com/watch?v=PHTBQsWy3Fk

Ein Beispiel für eine seiner Übungen:

https://www.youtube.com/watch?v=0wHr7LqPtk4

O. Aoki gibt Lehrgänge in Deutschland, d. h. er kann aufgesucht werden. Als ich bei ihm war erklärte er ausführlich in Vortragform einen Haufen medizinischen Kram, um zu zeigen, was alles im Körper (Gehirn, Hormone usw.) abläuft. Ich bin kein Mediziner und habe das nur halb verstanden, aber zumindest erkannte ich den Versuch, seinen Stoff mit Worten zu erklären. Bei den Visualisierungen sollten wir uns so Sachen ein-bild-en, wie ein Strom von „Energie“ (Ki) fließe von unserm Körper aus durch den Arm, in die Hand und von da aus hundert Meter weiter in den Raum. Dabei wurde z. B. eine Armbewegung von innen nach außen vollzogen. Später gab er auch ganz genaue Punkte (Akupunkte) und Leitbahnen an, durch die wir uns ein-bild-en sollten, unsere Energie fließen zu lassen. Ein Ergebnis dieser Art von Übung war, dass sich der Körper einrenkt und in eine Richtung ausrichtet, d. h. „stark“ in diese Richtung wird. Diese durch Ein-bild-ung erreichte Stärke kann dann natürlich in die Kampfkunstpraxis einfließen. Ich finde Kikō als Kikō (insbesondere bei einem guten Lehrer wie O. Aoki) in Ordnung (auch wenn ich es nicht mehr übe). Allerdings ist diese Praxis kein Bestandteil der (herkömmlichen) Shōtōkan-Strömung.


Zum „Bubishi“-Verweis: Du schriebst von „Nord und Süd“, nicht von „West und Ost“! Wegen dieser oberflächlichen „Verwechslung“ raufte ich mir gestern die Haare, eben weil es kein „Nord und Süd“ in den Originaltexten gibt. Jetzt kommst Du locker flockig an und meinst „West und Ost“. Das ist schon ein Unterschied. Mein Nord-Süd-Satz steht in der 1997er Ausgabe der McCarthy-Ausgabe aus S. 161. Der West-Ost-Satz ist eine alte taktische Maxime, deren anfänglicher Wortlaut im China des 8. Jahrhunderts geprägt wurde. Auch im Karate wurde er als taktische Maxime begriffen, was Du z. B. in dieser Geschichte über den halblegendären S. Matsumura nachlesen kannst („Mehrere Feinde zurückdrängen“):

GIBUKAI » Zwei Erzählungen über Matsumura und Itosu

Ob Dein Pa-Kua-Lehrer nun Nord-Süd oder West-Ost visualisiert, musst Du selbst wissen. Ich glaube Dir ungesehen, dass er im Pa-Kua einen ähnlichen Satz wie die Maxime im „Bubishi“ als „Bild“ nutzt. Aber das ändert nichts daran, dass dieser Satz im „Bubishi“ oder gar im „Karate“ automatisch auch eine „Visualisierung“ darstellt.

Schließlich möchte ich aus eigener Erfahrung festhalten, dass es (leider) eben nicht so ist, dass wirklich alles zur Krafterzeugung logisch mittels Physik und Biomechanik erklärt werden kann. Wenn das so wäre, dann hätten alle oder zumindest viele Karate-Anhänger ein richtig hohes technisches Niveau …

Grüße,

Henning Wittwer