Hallo nochmal,
mittlerweile sind hier viele Themen angeschnitten worden, auf die ich kurz eingehen möchte:
(1) Das Wort „Kobudō“ gibt es nicht im Shōtōkan-Ryū. Im „Karate-Dō Shōtōkan-Ryū“ wurden und werden (abhängig von der Übertragungslinie) jedoch bestimmte Waffen einschließlich bestimmter Kata neben den waffenlosen Kata ausgeübt und gelehrt. Sie sind „Karate-Dō Shōtōkan-Ryū“; sie sind nicht „Kobudō“ einer beliebigen Richtung/Organisation. In dem kurzen historischen Artikel finden sich kompakt einige technische Inhalte dieser Karate-Strömung:
https://www.gibukai.de/2017/02/17/di...33;tōkan/
Für die Funakoshis war es wesentlich, unbewaffnetes Training als Grundlage für bewaffnetes Training innerhalb eines im Aufbau befindlichen (aber aus historischen Gründen nie vollendeten), kohärenten Lehrgebäudes zu nutzen, wobei schließlich das eine das andere im Training verbessert (in beide Richtungen – und heute für mich persönlich im Training spürbar). Diese Idee ist Teil des Shōtōkan-Ryū. Und nochmal: Dabei geht es nicht um beliebiges Waffentraining („Kobudō“ o. ä.).
(2) Die Kata Sanchin (bzw. eine Version davon) war G. Funakoshi bekannt, und tatsächlich sollte sie wohl in das Lehrgebäude des Shōtōkan-Ryū eingegliedert werden. Das ist historisches Wissen, das mündlich überliefert wurde. Allerdings scheiterte dies wohl aufgrund Yoshitakas frühem Tod und der Zerstörung des historischen Shōtōkan (1938–1945). Ebenfalls der mündlichen Überlieferung (historischem Wissen) zufolge, sähe diese Shōtōkan-Version von Sanchin nicht so aus wie heutige Versionen im Gōjū-Ryū oder Shitō-Ryū usw. Sie sollte u. a. in Fudō-Dachi ausgeführt werden und sähe dann etwa grob so wie auf den beigefügten Fotos aus.
(3) „Kyūsho-Jutsu“ ist eine moderne Angelegenheit und hat ganz nüchtern betrachtet nichts mit G. Funakoshis Karate zu tun.
(4) Karate besteht nicht aus einzelnen „Tricks“, die mal eben so verbal dargestellt und dann zuhause auf Wirksamkeit oder Unwirksamkeit hin überprüft werden können. Der gesamte Körper und Geist wird – nach meinem Verständnis einer Ryū – innerhalb eines kohärenten Lehrgebäudes ausgebildet. „Symptome“ („Techniken“) können von Außenstehenden einfach mal fotografiert oder „nachgeäfft“ werden. Allerdings hilft dieses „Nachäffen“ nicht beim Begreifen der Wirksamkeit der „Technik“, weil viel eben nicht direkt sichtbar ist. Daher wählte ich bewusst das simple Beispiel mit dem Stock, der historischer Bestandteil des Shōtōkan-Ryū war/ist. Jeder, denke ich, versteht, dass die Umsetzung des historischen Wissens „Stock gehört zu diesem Karate“ das zuvor wahrscheinlich nur unbewaffnete Karate kampftechnisch verbessert.
(5) Shōtōkan-Ryū ist verkörpertes, zum kleineren Teil verschriftlichtes und zum geringsten Teil verbildlichtes Wissen, das von einer Person zu einer anderen Person tradiert wurde und wird. Das ist ein komplexer Vorgang, der nicht mit einem Menschen, der Hard- und Software bedient, vergleichbar ist (ohne die Komplexität dieses andersartigen Vorgangs in Frage stellen zu wollen). Meiner Meinung nach denkst Du beim Verstehen wollen zu technisch („Tricks“, „Techniken“). Wenn Dich Shōtōkan-Ryū jenseits der Idee einer Techniksammlung bzw. eines Kata-Katalogs interessieren sollte, dann wären die überlieferten Texte von G. Funakoshi und seinen Lehrern (Stichwort „Übertragungslinie“) die beste Anlaufstelle. Klar, für ein Prüfungsprogramm in einem Verband ist das wahrscheinlich irrelevant, aber Du hast mich nach meiner Meinung gefragt …
Grüße,
Henning Wittwer





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