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Thema: Ukemi für Ältere oder sind die Übungen des Aikido wirklich immer gesund?

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  1. #27
    carstenm Gast

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    Zitat Zitat von Aiki5O+ Beitrag anzeigen
    Ich bezog mich auf das Interview mit Alex Bennett, nach dem der Begriff "budô" erst seit ca. 100 Jahren gebräuchlich sei. Also die Umbenennung von bujutsu zu budo, und von (Budo)-Disziplinen von jutsu zu do.
    Puuuhhhh ....

    Der Begriff budô ist belegt seit dem 16. Jahrhundert.
    Er ist ursprünglich einigermaßen weit gefaßt und meint mehr als nur die martialen Techniken. Der Begriff bezeichnet eher insgesamt die "Lebensweise" derjenigen, die eine Kriegskunst üben. Man kann das noch ein bißchen erahnen, wenn man sich vor Augen führt, was alte Schulen neben den kriegerischen Techniken z.B. auch unterrichten:
    Heilkunst - Nicht nur auf Kriegsverletzungen bezogen, sondern ganz allgemein angewendet auch für die übrige Bevölkerung.
    Etikette - Den gesamten Alltag umfassend und regulierend.
    Baukunst und das, was wir heute unter "Feng shui" verstehen - Also gute Orte, gute Richtungen, gute Anordnungen finden. Und auch das nicht nur bezogen auf Festungen o.ä..
    Die Kunst der Weissagung.
    Die Beschwörung der kami.
    ...
    All das kann man z.T. noch heute in verschiedenen Schulen finden, wenn man genauer hinschaut.
    Ein budô war - und ist m.E. - weit mehr als das Erlernen und Üben martialer Techniken. Sondern der Begriff bezeichnet eine die Weise, das gesamte Leben zu gestalten.

    Auch eine der Wurzeln des aikidô, das oshikiuchi, ist wahrscheinlich ein budô, in dem es vor allem um Etikette ging. Um die Weise, sich zu bewegen unter bestimmten Bedingungen im Inneren von Palästen (wenig Raum, kniende Haltung, Zerermonialgewänder ...).

    Faktisch wurden - nach allem, was ich inzwischen meine gelernt zu haben - die Bezeichungen budô und bujutsu weitgehend synonym gebraucht. (Ich meine, daß auch der Begriff heihô einen solch weiten Deutdungsrahmen haben und also synonym sein konnte.) Die Unterscheidung im Sinne einer Entwicklung von jutsu zu dô, die heute oft angenommen wird, geht - soweit mir bekannt - auf Donn F. Draeger zurück. Und gilt heute, so glaube ich, als überholt.

    Der Vorgang, den Alex Bennett schildert, war nicht eine "Umdeutung von bujutsu zu budô", sondern es war eine Einengung des Begriffes allein auf die Aspekte der alten Schulen, die im Rahmen des Erziehungswesens unterrichtet werden sollten. Und das waren eben die martialen Aspekte.
    Es ging darum, das Volk, die Schüler fit zu machen für den Krieg. Daher wurden auch nur die entsprechenden Aspekte der budô in das Erziehungswesen integriert. Sugino Yoshio ô sensei beschreibt diese Einengung und den dadurch verursachten Verlust der Entwicklung der in einem budô angelegten Tugenden in dem Abschnitt "Budô in der Schule" zu Beginn seines "Budô Kyôhan" von 1941.
    Sodann war es wichtig, Formen des Unterrichtens und Übens zu entwickeln, die im Rahmen eines Erziehungssystems funtkionieren konnten. Das hat zu tun mit dem Phänomen, das im Westen oft als "Versportlichung" interpretiert wird.
    Weiter war es wichtig, in diesen Unterricht Nationalstolz, die Haltung gegenüber Kaiser und Vaterland, und die Haltung gegenüber den nationalen Werten zu integrieren. Die sog. "dô-Aspekte", auf die du dich beziehst, wenn du von einer Entwicklung "von jutsu zu do" sprichst, waren keine ethischen oder demokratischen.
    Und schließlich ging es bei der Schaffung und Entwickung des dai nihon butokukai immer wieder auch schlicht um Standardisierung: Man wollte die "unendlich vielen" Schulen, in denen die unterschiedlichsten budô gelehrt wurden, so standardisieren, daß man sie zentral lenken konnte. Ich verstehe es so, daß man die frei flottierenden Schulen der Kriegskunst, die nach der Meiji Restauration im Lande umherwaberten, zu einem einheitlichen, steuerbaren System organisieren wollte, das - neben der Armee - eine Säule der nationalen Verteidigung sein konnte. Und nicht chaotisch in Regionen, Familien, Schulen, dôjô ... aufgefleddert war.

    Nebenbei:
    Dem budô von Ueshiba ist ja 1942 etwas vergleichbares geschehen: Das aiki budô Ueshibas wurde zwangsweise in den dai nihon butokukai integriert und erhielt im Sinne einer Standardisierung den Namen "aikidô". (Um die lange Geschichte mal sehr kurz darzustellen.) Ueshiba ôsensei hat sich doch zunächst deutlich gewehrt, sowohl gegen die Eingliederung, wie auch gegen den neuen Namen. Der uns heute ganz selbstverständlich geworden ist.

    Soll also ein westlicher Aikidoka und Budoka die 42+ Kami des aiki jinja Schreins verehren und dazu vielleicht noch Ueshiba selbst als Kami?
    Sobald das Üben beginnt, das über das möglichst gute Nachahmen der äußerlichen Bewegungen, also der äußeren Form, hinauszugehen, fangen - nach meiner persönlichen Erfahrung - derlei Dinge an, tatsächlich bedeutsam zu werden. Denn sie haben mit dem zu tun, was IN dem Übenden geschieht.


    Meines Wissens hat Ueshiba zumindest die Frage von Schülern (Noquet?) verneint, ob Aikido selbst eine Religion sei.
    Ist es auch nicht. Nicht im Sinne des westlichen Verständnisses.
    Das sag aber mein Meditationslehrer genauso auch über den Buddhismus.
    Und mein nei gong Leher über den Daoismus.
    Und mein aikidô (und katori) Lehrer* über das shintô.
    ...
    Und dennoch sind bei allen diesen Übungsweisen die inhaltlichen Aspekte entscheidend.
    Allein, daß ich im burmesischen Sitz auf einem Kissen sitze, ist noch kein Üben. Es ist nur der Ausgangspunkt davon.
    Allein, daß ich in einer "leeren Haltung" stehe, ist noch kein Üben. Es ist nur der äußere Rahmen dessen.
    Allein, daß ich die kihon no waza äußerlich reproduzieren kann, ist noch kein Üben. Es ist nur die Voraussetzung dafür.

    _____________

    * Der ist übrigens Religionslehrer.
    Geändert von carstenm (27-09-2019 um 16:32 Uhr) Grund: link bereinigt, Rechtschreibfehler, stilistische Glättung

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