Wird in unserer Gesellschaft wirklich kritisches Denken gewürdigt? Unser Sohn hat vergangenes Jahr Abitur gemacht. Wir hatten während seiner gesamten Schulzeit endlose Diskussionen darüber, dass er immer wieder irgendeinen Blödsinn einfach hinnehmen sollte, was ihm völlig gegen den Strich ging. Zum Glück ist unser Sohn ziemlich selbstbewusst und hatte (und hat) auch vollen Rückhalt durch uns. Er ist am Ende sehr gut durch die Schule gekommen, aber er hätte es einfacher haben können, wenn er die Klappe gehalten und einfach alles hingenommen hätte.
Ich selbst bin durch einen Gen-Defekt auch ein Mensch, der sehr vieles in Frage stellt. Und mit Blödsinn finde ich mich einfach nicht ab. Damit habe ich mir aber auch in meinem Karateleben eine ganze Weile lang nicht unbedingt Freunde gemacht. Nach einigen Jahren war ich so mutig bzw. unvernünftig, offensichtlichen Blödsinn offen anzusprechen. Nach einer Weile bin ich dann dazu übergegangen, nur zu fragen, ob denn irgendetwas so wirklich anwendbar oder gesund wäre. Selbst das war für viele "Meister" noch zu viel. Inzwischen teile ich solche Gedanken nur noch mit Menschen, von denen ich weiß, dass sie dafür offen sind.
Das Problem des Tiefgangs in den Kampfkünsten hat meines Erachtens drei Dimensionen:
Erstens ist es grundsätzlich sehr zeitaufwendig, sich mit den Hintergründen zu beschäftigen, diese zu verarbeiten und daraus etwas abzuleiten. Da muss man sich vielleicht auch noch mit andere Sprachen, Kulturen, Philosophie, Religion, etc. auseinandersetzen.
Zweitens geht es sehr viel um - nach westlichen Maßstäben - nicht einfach messbare Dinge. Solche "Kleinigkeiten" wie zum Beispiel "Schulter runter", "leichtes Verlagern des Schwerpunkts", etc. sind (momentan noch) nicht alle mit westlichen Methoden mess- oder erklärbar.
Drittens bringen "Mythen" und selbstbewusst vorgetragene Erzählungen großer Meister ("Der war mal Vizeweltmeister! Der muss es wissen.") oft viel Nebel und Blödsinn in die Kampfkunstwelt. Das wiederum erschwert die ersten beiden Punkte.
Da ist es doch wirklich einfacher, Gehirn und Straßenkleidung in der Umkleide abzulegen. Für mich wäre das nichts, aber ich möchte es auch nicht verurteilen.






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