Aber auch das ist wiederum etwas komplexer - "Spannung" hat verschiedene Aspekte, etwa "Grundspannung", was man mit "Struktur" gleichsetzen könnte, dann die "Spannung", die als Zug, Druck und Torsion bei konkreten Technikanwendungen auftaucht, und die "Spannung" als Gegenreaktion auf Techniken des Gegners, ob jetzt als lineare "Gegenspannung", Richtungsänderung oder Weiterführung des ursprünglich eingeleiteten Bewegungsimpulses. Je nach Stil kann es ein unterschiedliches Verständnis davon geben, was "Spannung" oder "Kraftanwendung" ist und wie sie eingesetzt werden sollte. Mir wurde z.B. wiederholt gesagt, dass ich sehr viel Kraft anwenden würde - allerdings oft genug von Leuten, die nach meinem Verständnis der Termini versuchen, wesentlich mehr Kraft anzuwenden als ich, aber eben durch mehr Muskeleinsatz weniger Energie freisetzen, weil Struktur, Timing und Bewegungskoordination schlicht nicht zusammenpassen. Wenn ich Dich richtig verstehe, siehst Du bei 95% der Karateka eine zu hohe Grundspannung, die sich dann negativ auf Reaktions- und Bewegungsgeschwindigkeit auswirkt, was dan u.U. dazu führt, dass die "ankommende" Energie entweder nicht so hoch ist, wie sie sein könnte, oder aber fast zwangsläufig ins Leere läuft, weil man die Technik drei Meilen gegen den Wind kommen sieht (kommt das in etwa hin?). Ich nehme an, die Karateka würden argumentieren, dass diese hohe Grundspannung eben ihrem Verständnis von guter Struktur entspricht (wie immer sich das im Karate jetzt nennt, davon hab ich kaum Ahnung).
Auf theoretischer Ebene über Bewegungen diskutieren ist nicht einfach, keine Frage. Auf akademischer Ebene würde man sich in der Regel damit behelfen, dass man auf die Verwendung eines Begriffes in einem bestimmten allgemein zugänglichen Standardwerk referenziert, aber da geht die Kontroverse natürlich auch weiter, weil dann fast zwangsläufig der Sinn und Unsinn des besagten Standardwerks diskutiert wird, jede Disziplin ihre eigenen Standardwerke hat und dann meistens auch die Frage nach der zu verwendenden Sprache aufkommt. Was z.B. das Ringen angeht finde ich für meinen Teil etwa die DDR-Literatur gerade in Sachen Nomenklatur um Klassen besser als die englischsprachigen Werke (von denen die aus meiner Sicht tiefergehenden meistens mässig gut aus dem Russischen oder Bulgarischen übersetzt wurden), aber bereits im BJJ kennt fast niemand die deutschen Namen der Techniken, sodass man fast zwangsläufig zweigleisig fahren muss, wenn man nicht auf die Vorteile eines Systems verzichten will... ich versuche daher seit Jahren mir anzugewöhnen, jeweils mehrere synonyme Termini zu nennen. Dabei auf die Termini des eigenen Systems zu verzichten, halte ich persönlich nicht für sinnvoll, weil es der Diskussion eine gewisse Basis entzieht - damit also abhängig ist von Deinem Verständnis des Begriffs "Spannung", der fast zwangsläufig durch die Erfahrungen in Deinem/n System(en) bzw. Linie(n) und den jeweiligen Konnotationen abhängig ist.
Also würde eine stilübergreifende Diskussion es entweder mit sich bringen, dass man sich in extenso nicht nur in die Theorie des eigenen, sondern auch des jeweils anderen Systems vertieft (die im Breitensportbereich oft nur ansatzweise verwendet wird und wenn, dann häufig mässig präzise) oder sich auf ein "übergreifendes" Nomenklatursystem der mechanischen Begrifflichkeiten einigt. Bezüglich letzterem habe ich primär mehrere Werke von einem gewissen Ralf Pfeifer gesehen, die sich selbst gewissermassen als den Standard zu sehen scheinen, muss aber zugeben, dass ich nie eines davon gelesen habe, folglich nicht sagen kann, wie geeignet ich das jetzt finde![]()
Beste Grüsse
Period.






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