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Julian Braun
1)
"Rein theoretisches Verstehen" ist für mich persönlich ein problematischer Ausdruck, weil m. M. n. vieles nur (mehr oder weniger) verstehen oder nicht verstehen kann, aber nicht theoretisch. Aber das ist nochmal eine andere Baustelle.
Wahrscheinlich ein Definitionsproblem. Ich meine das so, dass man Bewegungen natürlich wissenschaftlich beschreiben kann und weiß, warum das funktioniert, sie aber nicht selbst verwenden kann -> theoretisch verstanden, praktisch (noch) nicht. Ist für dich vielleicht kein "Verstehen".

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Julian Braun
2)
Grundsätzlich - mit Bezug auf deine Aussage - würde ich sagen, wird eher andersrum ein Schuh draus. Ihr verwendet halt bestimmte Konzepte und Begriffe aus der Spiritualität als Teil eurer Übung, und natürlich sollte sich damit auch das körperliche Vermögen verändern/verbessern. So zumindest mein Verständnis davon, was ihr tut - bitte korrigieren, falls ich da falsch liege. D. h. es geht von der Konzeption in den Körper. Und natürlich kannst du dann hingehen und sagen: "Schau mal, diese oder jene körperliche Fähigkeit bezeichnen wir als z. B. golden bell oder iron shirt". Davon abgesehen wäre meine Frage hier auch erst mal: Was für Bewegungsqualitäten meinst? Kannst du mal eine kurze Liste und Beschreibung von Bewegungsqualitäten machen, und welches spirituelle Konzept du damit verbindest?
Eine linare Abfolge würde ich so nicht annehmen. Ich habe sowohl Gefühle entwickelt und nachträglich zugeordnet, als auch schon mit konkreter Benennung gearbeitet, bis ein passendes Gefühl kam. Eine Bewegungsqualität so schriftlich formulieren, dass jemand das versteht, der mich nie gespürt hat, übersteigt meine Fähigkeiten. Aber wenn ich z. B. "mit der Leere" (im spirituellen Kontext) arbeite, dann muss mein Körper auch ein Gefühl beim anderen erzeugen. Vielleicht hast du ja mal Lust ein paar Tage vorbeizukommen, lohnt sich eigentlich immer für beide Seiten =).

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Julian Braun
3)
Ansonsten ist das Thema natürlich recht komplex. Wenn ich sage, "den spirituellen Begriffen steht nichts sichtbares Gegenüber" meine ich damit, nicht, dass es nicht z. B. hundertundeins oder mehr Vorstellungen darüber gibt, was die Seele ist, oder das Tao oder Gott. Und manche arbeiten damit vielleicht wie ihr, andere aber überhaupt nicht und trotzdem verändern sie sich durch die Arbeit damit. Selbst die grundlegendsten Begriffe wie Geist und Bewusstsein, oder "Basis-Begriffe" wie Gott und Seele (oder eben Dao) werden ja nicht gleich verstanden. Aber es gibt halt kein Vorzeigeobjekt "Gott" oder "Seele", von dem man ausgehen könnte. Und für die immense Fülle an spezifischeren Begriffen in den spirituellen Traditionen gilt halt noch viel mehr, dass sie keine sichtbare Entsprechung haben. Weshalb man halt entweder alles irgendwie zusammenführt und auf einen Nenner runterstuzt, oder die eigene Auslegung als vorrangig ansieht, oder sie fallen lässt.
In meinen Augen sind Begriffe solange austauschbar, wie dahinter nicht etwas konkretes fühlbares/messbares/... steht. Ich will ja irgendwas erreichen, die Worte brauche ich eigentlich nur als Hilfe, um das Chaos für mich etwas zu strukturieren und falls ich mich mit jemandem austauschen möchte. Aber das erfordert dann ja eigentlich immer einen kompletten Definitionsabgleich. Ansonsten ist mir völlig egal, wer was wie nennt.
Noli turbare circulos meos