Ich sehe es so:
Ueshiba Morihei hat daitô ryû gelernt von Takeda Sokaku. So wie unzählige andere auch.
Ueshiba osensei hat bereits mitgebracht eine umfassende Bildung anhand daoistischer Texte. Und auch ein tiefergehendes Interesse daran. Und er ist am Anfang seines Übens bei Takeda sensei - nahezu zeitgleich - im Kontext einer persönlichen Krisenhaften Situation, der ômoto kyô begegnet und hat aus deren Lehre einen tiefen persönlichen Gewinn gezogen. Diese Vorbildung während seiner Kindheit und Jugend, sowie das Üben der Lehren der ômoto kyô - die ja zudem dann auch seine äußeren Lebensumstände massiv bestimmt hat - sind es, die im Falle von Ueshiba aus einer weiteren Schule der daitô ryû ein neues budô entstehen lassen, das schließlich den Namen "aikidô" aufgeprägt bekommt. Dieser Name ist "erfunden" worden - er stammt nicht von Ueshiba Morihei - um das budô von Ueshiba osensei in der "Aiki-Abteilung" des dai nihon butokukai als eigenständig abzugrenzen ... obwohl es gleichzeitig auch nur einer der vielen Zweige ist ...
Also meine Sicht der Dinge extrem verkürzt:
aikidô minus ômoto kyô gleich daitô ryû ueshiba ha.
Die Entwicklung von aiki budô zu aikidô ist keine technische. Und keine philosophisch-spirituelle.Vom Aikibudo zu Aikido, welcher philosophischer Unterbau wurde von Ueshiba eingebaut?
Das Erlebnis des Erwachens Ueshiba datiert 1925. Also ganz am Anfang seiner daitô ryû Phase und sogar noch vor der aiki budô Phase. In jener Zeit nannte Ueshiba sein budô noch aiki bu jutsu.
Der Name aikidô stammt nicht von Ueshiba osensei selbst, sondern wurde ihm 1942, und zwar zunächst gegen seinen Widerstand, vorgeschrieben. Er ist jedenfalls entstanden in einer Zeit, in der sich die Weltsicht Ueshibas noch nicht grundlegend verändert hatte. Das geschah erst unter der Erfahrung der bedingungslosen Kapitulation des japanischen Kaiserreiches, das für ihn bis dahin der Ausgangspunkt für das auf Erden zu erschaffende Shambala war.* Und unter der Erfahrung der Atombombenabwürfe, die ihm deutlich gemacht haben, daß das Üben eines budô, in dem es ja nicht einmal originäre Waffentechniken gibt, das also im wahrsten Sinne des Wortes mit leeren Händen dasteht, ganz offenbar nicht dazu helfen wird, dieses Shambala gegen Widerstände zu verwirklichen. So wie es ihn ja eigentlich auch schon der Versuch in der Mongolei gelehrt hatte. Und nun hatte eben auch die Episode in der Mandschurei ein Ende. So hat sich angesichts dieser Erfahrungen dann zwar seine Weltsicht verändert. Und entsprechend auch seine Deutung des yi jing: 11. tai.* Aber technisch betrachtet hat sich sein budô kein Stück verändert.
Das, was heute oft als Wandel "von aiki budô zu aikidô" aufgefasst wird, hat damit zu tun, daß mit der Zeit seines Übens schlicht seine Erfahrung gewachsen ist. Und das mit dem Lebensfortschritt sich seine Betonungen und Ausführungen verändert haben. ... ihm ist im Laufe der Jahre ein langer, weißer Bart gewachsen ... damit führt man dieselbe Technik anders aus, als in einer Zeit, in der man sich selbst und der Welt beweisen muß, das man Tarzan ist. ;-) So simple.
* Ist bekannt, daß die ômoto kyô eine Botschaft in Paris hatte? Und das ihre "Offizial-Sprache" Esperanto war? Und sie deren Verbreitung stark gefördert hat, und das - soweit ich weiß - bis heut tut? Deguchi galt als der Messias, der gekommen war, die Welt zu retten, indem er shambala erschafft. Auch hier in Europa ... weltweit ...
** Die Auslegung der Lehren der ômoto kyô hat übrigens einen parallelen Wandel erfahren.





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