
Zitat von
carstenm
Ich möchte allein der Vollständigkeit halber anmerken - ohne daß wohl den Verlauf eurer Diskussion beeinflußt - daß es "die" Reformation ja nicht gab. Sondern daß "Reformation" ein Sammelbegriff ist für unterschiedliche, wenn auch miteinander verbundene historische Phänomen oder Entwicklungen.
Danke,
Mir scheint, das ist nicht nur mit der Reformation so, sondern auch mit dem Christentum allgemein, mit der Aufklärung, der Antike....
Ach, die Welt ist so geräumig,
Und der Kopf ist so beschränkt!

Zitat von
carstenm
Die Rückkehr zu einem ursprünglichen Christentum beschreibt also m.E. nicht die Intention derjenigen Strömungen der Reformation, die sich historisch durchgesetzt haben und die heute wohl zumeist gemeint werden, wenn von "der" Reformation gesprochen wird. Für Luther - wie auch für Zwingli und Calvin - ging es nach meiner Wahrnehmung nicht darum, den Graben der Historie zu überwinden, sondern es ging - viel banaler - um eine Reformation der gegenwärtigen Form der Kirche. Und zwar eine Reformation mit einem spirituellen Impetus. Es ging Luther - wenn ich es denn richtig verstehe - um die Wiederbelebung bestimmter spiritueller Inhalte, die er verloren glaubte.
Gut, dann nicht die Rückkehr zum ursprünglichen Christentum im Sinne der frühen Gemeinden, aber doch irgendwie zu einem früheren Zustand, als das verloren geglaubte noch nicht verloren war (?).
Harald Lesch nennt das in der von mir verlinkten Doku die Rückkehr zum "Glauben" im Sinne eines inneren Bezugs zu Gott.
Und die 95 Thesen bezogen sich ja vor allem (oder gar ausschließlich?) auf die Praxis, Sündenvergebung durch Geld?
Was aus heutiger Sicht absurd anmutet und doch irgendwie voraussetzt, dass es einen breiten Glauben an das Fegefeuer gibt?
Offenbar hat Luther auch eine Schrift "von der Freiheit eines Christenmenschen" verfasst.
Wikipedia meint:
Von der Freyheyt eyniß Christen menschen markiert eine geistesgeschichtliche Grenze zwischen Mittelalter und Neuzeit. In den Thesen postulierte er die Summe der christlichen Freiheiten. Diese stehen nicht unabhängig nebeneinander, sondern stellen nach heutigem Verständnis eher eine Argumentationsreihenfolge dar. Der zentrale Gedanke besteht in einer Umkehrung der bis dahin geltenden Grundauffassung der Beziehung zwischen Religion und Freiheit.
Scheinbar haben das die Bauern falsch verstanden, denn Luther meinte eher eine innere Freiheit, während man äußerlich weiterhin der gottgegebenen Ordnung unterworfen war.
wie siehst Du das, als Profi?
Ich hab in der Schule, als es möglich war, Religionsunterricht gegen Ethik eingetauscht.
Später bei der Bundeswehr gab es diese Wahl nicht, da hab ich dann den "lebenskundlichen Unterricht" in der evangelischen Variante besucht, weil die mir "lockerer" oder vernünftiger vorkamen, keine Ahnung warum.
(Unvergesslich wird mir bleiben, wie der gute Mann beim Thema Homosexualität in der Bundeswehr dann doch von einem recht "freien" Kameraden etwas aus der Fassung gebracht wurde....)

Zitat von
carstenm
Nun liegen ja aber zwischen Aufklärung und Mittelalter bereits zweihundert Jahre - wenn man sich an die schematischen Zahlen hält.
war eventuell eher eine allmähliche Entwicklung, die vielleicht auch heute noch nicht ganz abgeschlossen ist...
Da kam ja dann noch eben die Reformation, der dreißigjährige Krieg, die Missionierung der neuen Welt....

Zitat von
carstenm
Und ich wies ja oben schon darauf hin, daß "sapere aude" das Leitwort der Antrittsvorlesung von Melanchthon war. Und daß Heinrich Heine - und nach ihm nicht wenige Philosophiehistoriker - Kant als Vollender dessen, was Luther begonnen habe, gesehen wird. Was man - mit guten Argumenten - massiv bestreiten kann. Anders als für Melanchthon oder Erasmus ging es Luthers Bibelübersetzung ins Deutsche nicht um einen Bildungsaspekt, nicht um den Ausgang aus einem Aspekt von Unmündigkeit - sowohl die Autorität des kirchlichen Amtes, als auch die Autorität der Liturgie sind in der lutherischen Kirche zunächst nicht wirklich neu gedacht - sondern es ging darum, die persönliche Frömmigkeit zu stärken durch die Ermöglichung einer stärkeren Unmittelbarkeit.
Eine stärkere Unmittelbarkeit bedeutet ja, dass da weniger Mittler gebraucht werden.
Ich weiß nicht, wie "sapere aude" von Melanchthon oder Horaz gemeint war, aber Kant meint ja damit den Gebrauch des Verstandes ohne die Führung eines anderen.
Also einen unmittelbareren Zugang zur Erkenntnis, wobei natürlich ein ausgebildeter Verstand von Nutzen sein wird.
Bei Luther war es dann ein unmittelbarer Zugang zu Gott, eben über ein spirituelles Äquivalent zum Verstand.
Da sehe ich eine Parallele zum Buddhismus, der ja die Mittlerrolle der Brahmanen als überflüssig erklärte.
Eventuell ging Luther, wenn er das Amt und die Liturgie als Autorität erhalten wollte nicht so weit, wie Mystiker, die IMO eine direkte Gotteserfahrung anstreben und daher in hierarchisch organisierten Religionen mitunter nicht so gerne gesehen werden....
(gibt es nicht in einigen Richtungen der evangelischen Kirchen noch so Praktiken wie Zungenreden etc?)

Zitat von
carstenm
Ich denke allerdings durchaus, daß Kant, selbst Lutheraner, der Vollender einer m.E. dritten Strömung der Reformation war, die Melanchthon repräsentiert und die in der Regel als Humanismus bezeichnet wird. Der Studienreform, die Melanchthon intitiert und umgesetzt hat, ging es einerseits um die Möglichkeit, an Quellen arbeiten zu können. Und andererseits um die Kultivierung ethischer Reflexion. Also sehr vereinfacht formuliert: Um die Voraussetzungen, sich überhaupt seines eigenen Verstandes zu bedienen ... sobald jemand käme, der einen auffordert, den Mut zu haben, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.
Dann wäre die dritte Strömung eher als die Vorstufe zur Aufklärung und einem humanistischen Bildungsideal zu sehen, bzw. den Werten die heute in unserer Gesellschaft gelten.
Ja, das mit dem Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, ist ja so eine Sache. Das behaupten die Querdenker und Flacherdler ja auch zu tun....
Interessant, dass die Reformation offenbar durch die Einführung des Massenmediums "Buchdruck mit beweglichen Lettern" stark befeuert wurde.
Zuvor war es leichter, Kritiker zur Räson zu bringen....
Allerdings gerieten die Texte auch an Leute, die das anders interpretierten, als es im Sinne des Erfinders war.