Hallo nochmal,

danke für die Nachfrage! Wie schon von mir bemerkt, lässt sich das Thema eher nicht gut schriftlich in einem Forum darlegen. Zu den historischen Entwicklungen, die mit dieser Frage einhergehen, schrieb, übersetzte/zitierte und erklärte ich schon verschiedene wichtige Eckpunkte in meinem „Band I“, S. 151 ff., und würde daher bitten, bei Interesse da nachzulesen.

G. Funakoshi (1868–1957) erkannte, dass es ein Problem bei der Übermittlung gab, und äußerte seinen Schülern gegenüber:

„Werden Sie nicht stärker. Ja, ich möchte, dass Sie schwächer werden.“ (meine Übersetzung)

Ich las den Satz so ähnlich während meiner Schulzeit in der deutschen Fassung seiner Biografie (bei der einige Übersetzungsprobleme zu beachten wären) und konnte mir lange keinen echten Reim darauf machen. Das lag u. a. an den ehrenamtlichen Karate-Trainern und bezahlten Lehrgangsleitern, bei denen ich in den ersten Jahren Karate lernte. Mit „schwächer werden“ bzw. „Entspannung“ hatte das meist nicht zu tun. Ein deutscher Lehrgangsleiter, der nach eigenen Angaben bei quasi allen namhaften JKA-Trainern gelernt hatte, bildete die Ausnahme, da er tatsächlich auf so etwas wie „Entspannung“ wertlegte. Der Haken war – wieder aus meiner bescheidenen Sicht – die Wirkung bzw. die mangelnde Wirkung. Ja, es tat irgendwie weh, aber so richtig überzeugend fand ich die Wirkung dieser „entspannten Technik“ eher nicht.

Das änderte sich, als ich damit begann, zu Lehrgängen z. B. vom oben erwähnten T. Asai zu reisen, und noch viel nachdrücklicher bei Lehrgängen mit T. Kase (diese fanden alle in Deutschland statt und „jeder“ konnte teilnehmen). T. Asai lehrte separate Übungen und z. T. ganze Kata, um Entspannung in die Körper der Übenden zu „zwingen“; T. Kase betonte, dass der Schulterbereich locker/entspannt zu sein habe. In beiden Fällen diente die geforderte oder eingeübte Entspannung jedoch nicht dazu, „entspannt zu werden, um entspannt zu sein“. Sie war Voraussetzung für Kraftübertragung, die manchmal mit der verbalen Krücke „Kime“ zusammengefasst wird. Und dazu ist wichtig, was ich schon mal schrieb:

Titel: Re: Kime - Sinn oder Unsinn?
Beitrag von: Gibukai am Dezember 05, 2006, 01:57:09
Hallo,

das Wort „Kime“ beinhaltet in keiner Weise eine Aussage über die Art und Weise, eine Technik auszuführen (kurzes oder langes anspannen usw.). G. Funakoshi verwendete für den Begriff „Kime“ das Kanji 極, welches ursprünglich den Firstbalken eines Hauses meinte. Später wurde es im Sinne von „Pol“ verstanden und ist eine Metapher für etwas, das sich am äußersten Ende befindet, auf die Spitze getrieben wurde. Davon abgeleitet ist seine Bedeutung im Karate, daß ich meine Technik bis zum Ende führe, meinen Gegner „beende“ oder den Kampf beende, bzw. entscheide.

Hier drei Beispiele für „Kime“:

(1) Ich versetze meinem Gegner mit meiner Faust oder meinem Fuß einen Schlag, der ihn ins Jenseits befördert oder zumindest für den Augenblick ausschaltet. Da der Kampf nun beendet/entschieden ist, hatte meine Technik „Kime“.

(2) Im Shōtōkan-Ryū werden einige z.T. äußerst brutale Würfe gelehrt. Wenn es mir nun gelingt, meinen Gegner mit einem dieser Würfe so zu Boden zu schmettern, daß er nicht mehr aufstehen kann, ist der Kampf beendet, Kime.

(3) Ich nagle meinen Angreifer mit einem Ellbogenhebel, wie er in der Kata Enpi oder Kankū vorkommt, am Boden fest – Kime.

Im Karate wurde „Kime“ also als Metapher gebraucht, so wie wir vielleicht sagen: „Mach‘ ihn fertig!“ oder: „Jemanden um die Ecke bringen“. In beiden Fällen wird nur das Ergebnis angedeutet, nicht aber, auf welche Weise ich zu diesem Ergebnis gelange.

Es ist aber genau diese Art und Weise, wie ich eine Technik jenseits der äußeren Form ausführe, die den Hauptinhalt im Karate ausmacht. Ein Tsuki ist von der äußeren Form her eine Faust, die ich von meinem Körper aus mehr oder weniger geradlinig nach vorne befördere. Das versteht jeder. Wie ich nun aber meine Muskeln gebrauche oder nicht gebrauche, um mit dieser Bewegung eine beendende/entscheidende Wirkung am Gegner hervorzurufen, ist die wirklich schwierige Frage.

Im JKA-Shōtōkan wird von Experten, wie M. Nakayama und seinem Schüler H. Nishiyama, beispielsweise gelehrt, im Moment des Einschlags möglichst alle Muskeln für eine gewisse Zeit anzuspannen. Aber längst nicht alle Shōtōkan-Lehrer, sowohl aus den Reihen der JKA, als auch aus anderen Richtungen, stimmen mit dieser Art und Weise der Ausführung überein. T. Asai hatte völlig andere Vorstellungen; H. Kanazawa meint, er habe so etwas wie ein „Doppel-Kime“ innerhalb einer einzigen Technik ausgebildet; T. Kase’s Konzept läßt sich ebenfalls nicht mit den genannten vergleichen.

Folglich hängt das Konzept hinter einer Technik, welches mit „Kime“ umschrieben wird, stark vom jeweiligen Lehrer ab. Es stimmt vollkommen, daß ich lange Zeit mit einem Lehrer zusammen üben muß, um dessen Konzept wirklich zu verstehen.

Dennoch stellt uns unsere eigene Voreingenommenheit immer Mal ein Bein. Mißverständnisse sind also vorprogrammiert; auch bei den japanischen Lehrkräften, die uns unterrichten. Ich vertrete nicht die Auffassung, daß das „Kime“ von M. Nakayama, das von G. Funakoshi ist!

Die Eingangsfrage muß also anders gestellt werden: Ist das JKA-Kime-Konzept für einen JKA-Anhänger sinnvoll? Es ist schlichtweg falsch zu behaupten, diese Art sei in allen Shōtōkan-Ausprägungen gleich. Ein JKA-Karateka würde sich über mein „Shōtōkan“ schlapp lachen...

Grüße,

Henning Wittwer
(https://www.kampfkunst-board.info/fo...me#post3322495)

Je nachdem, wie genau „Entspannung“ oder mangelnde „Entspannung“ im Wirkmechanismus („Kime“ u. ä. Begriffe) einzusetzen ist, können (!) unterschiedliche Wirkungen entstehen, die vom Partner gefühlt und unterschieden werden können. Zur Verdeutlichung wieder die beiden Beispiele von oben: T. Asais Uke konnte sich wirklich wie ein auf dem Arm einschlagender Schlägel eines Nunchaku anfühlen und sich dementsprechend auf den Arm und die Person auswirken. Ein in Skandinavien lebender Seniorschüler von T. Kase erzählte mir davon, dass sich als Resultat eines Tsuki, den T. Kase ihm gegen seinen Bauch stieß, auf seinem Rücken ein „blauer Fleck“ bildete. D. h. T. Kases Tsuki ging „irgendwie“ vom Bauch zum Rücken durch – und ich fand das cool! D. h. um eine jeweils spezifische Wirkung zu erzielen, muss – möglicherweise – eine ebenso spezifische Art von Entspannung als Grundlage erlernt werden. Dafür sind allerdings ein guter Lehrer, der die entsprechende Wirkung zu entfalten vermag, ein offener/lernwilliger Schüler, Geduld, Zeit (und materielle Ressourcen) vonnöten.

Mal hier, mal dort „irgendetwas“ aufzuschnappen, führt – meiner Erfahrung nach – zu nichts Sinnvollem, eher im Gegenteil.

Für mein Beispiel der „Fake-Entspannung“ ist in diesem Sinne wichtig zu verstehen, dass sie sich auf das Karate meines Lehrers bezieht, das ich ausübe. Es wäre wenig sinnvoll, meine diesbezüglichen Gedankengänge auf andere Lehrgebäude übertragen zu wollen. Ganz kurz beschrieben, lasse ich meine Übungspartner bei diesem Punkt zwei verschiedene Arten von Wirkung z. B. eines Tsuki spüren, einmal mit „Fake-Entspannung“, ein zweites Mal mit – für unser Tun – besserer/richtiger „Entspannung“. Danach stelle ich meinen Übungspartner mit ein, zwei Handgriffen ein und bitte ihn/sie, es selbst an mir auszuprobieren. Das war’s. Das funktioniert fast ohne Worte. Leider funktioniert es mit Worten in einem Forum leider eher nicht.

Doch wie ebenfalls schon erwähnt, gab es in der frühen Shōtōkan-Literatur wirklich viele dementsprechende Hinweise, die helfen, so etwas zumindest „äußerlich“ halbwegs zu erkennen. Z. B. wird im „Wahren Mark des Karate-Dō“ von 1939 im Kapitel über die „richtigen Haltungen“ mit „Bild 25“ ein negatives Beispiel dargestellt (S. 65 f.). Das lässt sich so u. a. auch in dem Film mit R. Hotton beobachten …

Grüße,

Henning Wittwer