Das ist ungefähr so, als ob Du mir erklärst, es sei wesentlich schwieriger, nach dem westlichen Alphabet lesen und schreiben zu lernen als nach dem chinesischen. Das Striking-Alphabet hat nur eine kleine Handvoll Buchstaben, die man frei kombinieren kann, das Grappling-Alphabet dagegen mehrere hundert, die man - wenig überraschend - ebenfalls frei kombinieren kann. Die Anzahl der "Buchstaben" ist durchaus mit entscheidend für die Komplexität, was sich auch daran zeigt, dass auch Top-Grappler zum Teil ganz bewusst darauf verzichten, bestimmte Techniken im Arsenal des Stils vertieft zu lernen; im Striking wäre das ziemlich undenkbar.
Im Striking kommt es drauf an, wie effizient man die einzelnen Techniken ausführt, und wie flüssig man sie kombiniert; das ist im Grappling nicht anders.
Striking hat nur eine "echte" Position - man steht frontal oder leicht flankierend zum Gegner. Man selbst oder der Gegner kann dabei hoch oder tief stehen, aber das wars auch schon. Grappling hat dagegen X Positionen, die hinsichtlich des Drucks und der Gewichtsverlagerung beider Parteien viel variabler sind, und man kann sich jeweils als Person A oder Person B wiederfinden.
Man kann in einigen wenigen Jahren (3-5) mit genug Talent ein Weltklasse-Striker werden; im Grappling hatten wir den Fall schon ewig nicht mehr, schon gar nicht im Standgrappling, wo man mindestens zehn Jahre braucht, um an die Weltspitze zu kommen.
Soweit der Fall für beide Disziplinengruppen für sich genommen. Im MMA ist die Sache tatsächlich etwas anders, aber: auch hier muss man m.E. die Kompetenzen daran messen, was man faktisch antrifft, und nicht daran, was man theoretisch für möglich hält.
Wir haben im MMA meines Erachtens erst ein einziges Mal jemanden gesehen, der es geschafft hat, ohne Grappling-Hintergrund in wenigen Jahren die damals besten Grappler im Grappling zu schlagen, und das war GSP. Andererseits haben wir wiederholt Fälle erlebt, wo Grappler zu sehr effizienten sprawlern & brawlern wurden, und einige der besten Striker im MMA auch im Stand dominiert haben. Im MMA ist der Fall aus meiner Sicht insofern anders gelagert, als dass sich effizientes Striking auch dadurch auszeichnen muss, dass man die Distanz kontrollieren und den Takedown vermeidet; sonst hat man die Aufgabe nicht verstanden. Das ist an sich nicht komplex, weil es grundsätzlich mit einer kleinen Handvoll Techniken und einer sinnvollen Beinarbeit machbar ist. Andererseits ist es eben nicht einfach - und das ist ein erheblicher Unterschied.
Tatsächlich ist die Unterscheidung des "mittelmässigen" Grapplers im MMA gar nicht so einfach, denn: gewisse persönliche Stile funktionieren im Grappling-Regelwerk top, würden aber im MMA gar nicht gehen. Das heisst, der Direktvergleich zweier Athleten in einem beliebigen Grappling-Regelwerk ist meist mässig aussagekräftig. Dazu kommt, dass Grappler wie Striker ja damit rechnen müssen, dass sie im MMA auch auf Athleten treffen können, die in ihrem angestammten Regelwerk Weltspitze waren. Auf "reine" Striker respektive Grappler trifft man dagegen schon lange nicht mehr, wohl aber auf Leute, die den Profi-Einstieg vielleicht zu früh nach dem Umstieg gewagt haben (m.E. z.B. Aaron Pico).
Im Striking ist die Sache dagegen klarer, zumindest so lange wir über Vollkontakt-Disziplinen sprechen. Ein Top-Striker aus dem K1 oder Boxen ist auch im MMA erstmal ein Top-Striker, weil er alle Möglichkeiten hat, dort entsprechend zu punkten; ob er aber mit seinem Striking dort ebenso erfolgreich ist, ist eine andere Frage und hängt nicht unmassgeblich davon ab, ob er stehen bleiben kann.
"Verstehen" und "umsetzen können" sind zwei Dinge. Wirklich verstanden hat man etwas erst, wenn man zumindest in der Lage ist, Athleten zu produzieren, die etwas auch umsetzen können. Nur weil jemand Noten lesen kann, kann sie oder er deswegen weder Klavier spielen - noch viel weniger meisterlich -, noch komponieren, geschweige denn, dass man vom nächsten Beethoven sprechen würde.
Nach der Logik könnte ich auch plakativ sagen, dass man das MMA-striking schon vor langer Zeit geknackt hat: wenn jemand unter mir am Boden liegt, ist mir egal wie gut er striken kann. Ergo muss ich nur das erreichen und ich habe schon gewonnen.
Naja, es haben sich etliche Trainer und Athleten an dem Problem versucht, nur ist ihnen nicht viel mehr eingefallen als das, was wir bisher gesehen haben. Tatsächlich gibt es im Striking auch nicht wirklich viel, was man noch einbringen könnte, während das im Grappling genau umgekehrt ist. Wenn überhaupt ist das in meinen Augen eher ein Argument dafür, dass es eben nur begrenzt Luft nach oben gibt, nämlich wie gesagt
1. grössere Schadenswirkung der angewandten Striking-Techniken
2. Taktiken, die den Takedown und den ringerischen Clinch zuverlässiger vermeiden
allenfalls noch
3. ein System, dass den Strikern in kürzester Zeit genug ringerische Grundkenntnisse zu vermittelt, dass sie sich keine Sorgen mehr um Takedowns und Clinch machen müssen, WEIL sie sich diesbezüglich hinreichend auf ihre "dirty boxing"-Technik (im weitesten Sinne) verlassen können.

