Zitat Zitat von Eistee Beitrag anzeigen
Wenn man Wu Wei für die Kampfkunst einsetzt, und es bei der Kampfkunst darum geht, einen anderen zu schlagen und möglichst nicht selbst dabei geschlagen zu werden, dann wird das Wu Wei sehr wohl sehr egoistisch eingesetzt.

Wo kommt dieses "altruistisch" her? Mir scheint das ein christlicher Gedanke zu sein, der im alten chinesischen Denken so gar nicht vorkommt.
Wenn z.B. Herkules einen Fluß umleitet, um einen Stall auszumisten und dadurch eine seiner Aufgaben zu erfüllen, dann macht er sich den natürlichen Gang der Natur durch leichte Abwandlung (vgl. Aikido) zu eigenen Zwecken zu Nutze.
Herkules war nun kein Chinese, aber ich denke - immer noch, so ist das gemeint mit dem "Nicht-Handeln". Er macht den Stall halt nicht selbst sauber, sondern läßt die Natur / den natürlichen Lauf der Dinge - in diesem Fall den Fluß - die Arbeit für ihn erledigen.
Solche Gedanken sind ja auch in unserer Tradition nicht unbekannt. Schon die alten Griechen ...

Doch, hat es. Bauer, "Geschichte der chin. Philosophie" schreibt irgendwo auch, der Daoismus habe einen gewissen Ruf, "fies" zu sein, gerade weil seine Vertreter sich darauf verstehen, den Gang der Natur zu ihrem Vorteil zu nutzen. Denk' z.B. an Sun Tzu.
Man darf den (alten) Chinesen keine christlichen Gedanken unterschieben. Allgemeine Nächstenliebe gab es dort nur bei Mo Di, und die hat sich dort nicht durchgesetzt. Der Rest handelte egoistisch - für sich, und für die Familie. Dann vielleicht noch für den Kaiser und also den Staat. Aber bestimmt nicht für einen Fremden.
Wenn es hier eine sinnvolle Diskussion geben soll, würde ich ganz gerne Kontext bezogen und konkret diskutieren.
Der Begriff 'wuwei' hat seinen für uns faßbaren Ursprung im Daodejing. Also sollten wir vielleicht erst mal im Kontext vom Daodejing bleiben und klar bekommen was 'wuwei' dort meint.
Wuwei hat im Daodejing den Kontext von Ziran und Himmel und steht im Kontrast zu youwei. Das sind die Vorbilder. Wie schon gesagt heißt es wörtlich "ohne tun". Der Mensch in seiner Psyche ist natürlich etwas problematischer als Himmel und Erde und hat eben ständig die Tendenz das zu tun was ihm und seiner Umwelt nicht gut tut. Das muss man im Kontext mitdenken. Also heißt wuwei "(tun) ohne (egoistisches) tun.

Jetzt können wir natürlich alle möglichen anderen Spezialfelder und Menschen mit heranzuziehen die irgendwie etwas mit Daoismus oder dem Daodejing zu tun haben oder sich darauf berufen und mal schauen was die so sagen und wie das im Verhältnis zum wuwei des Daodejing steht.
Mit dem Daodejing haben wir dann einen klares Diskussionszentrum und gleiten nicht ständig in uferlose Argumente und Hypothesen ab.

Was die Kampfkunst angeht hatte ich ja schon gesagt. Trainingsdidaktisch bin ich der Meinung kann man sehr wohl eine 'wuwei' Methodik in sein Training integrieren. Was den Kampf angeht sehe ich das eher kritisch, da man eben in der Regel versucht den anderen irgendwie zu brechen, sei es im Wettkampf oder auf Leben und Tod. Der "stärkere" gewinnt. Ausser ich kämpfe nicht und überlebe alle Kämpfer. Dann habe ich sie letztendlich auch besiegt ;-)

Wie du jetzt auf den Altruismusgedanken gekommen bist ist mir noch ein Rätsel?? Kann da jetzt spontan keine Verbindung zu 'wuwei' herstellen wen du das meinst?
Ich denke in der ganzen chinesischen Geschichte muss man wieder aufpassen zu differenzieren zwischen den Klassikern an sich und dem wie sie sich die Herrscher politisch zunutze gemacht haben und wie die Gesellschaft dadurch in jeder Dynastie mehr oder weniger vergewaltigt wurde. Wenn du unter Altruismus verstehst uneigennützig anderen Gutes zu tun, würde ich schon sagen, dass es zumindest im Lunyu und bei Mengzi ein Thema ist. Zumindest bei Mengzi fällt mir da gleich die berühmte Geschichte mit dem Kind das in den Brunnen fällt ein. Mengzi argumentiert, dass es aus einem inhärenten Mitgefühl gutes zu tun gerettet wird und nicht wegen opportunistischer Motive oder einfach nur weil das Schreien nervt....
Im Lunyu kreist vieles um den Gedanken von 'ren' (仁), Mitgefühl, d.h. um das Verhältnis zweier Menschen zueinander. Oder der Satz: "Was man selber nicht will soll man auch keinem anderen zufügen."

Auch wenn das alte chinesische Denken nicht christlich ist im Sinne der christlichen Dogmatik, oder wie es die Jesuiten versucht haben dort zu finden, so gibt es schon Vergleiche die man ziehen kann. Das Christentums ist ja auch nicht vom Himmel gefallen sondern hat sich durch das Denken und die Sprache der 'Heiden' ausgedrückt und so langsam zu einer eigenen Sprache gefunden. Es ist sogar Programm des Christentums die 'Heiden' zu integrieren. Dass da Ideal und Realität historisch wieder weit auseinander klaffen und viel böses Blut geflossen ist, ist ein anderes Thema. Aber es ist eine Tatsache, dass das Christentum nicht einfach Tabula Rasa mit allen Kulturen gemacht hat und etwas komplett Neues gebracht hat, sondern ganz viel altes integriert hat und in eigener Erfahrung neu gedeutet hat. Dazu kann man einen Blick in "Assmann: Moses der Agypter" werfen; oder "Adolf Weiß: Madonna Platytera"; oder die Ursprünge des Vater unser.....