Mir ist da noch ein Beispiel eingefallen, was die reale Gewalterfahrung betrifft: Walter Röhrl ist mal in einem Interview mit der Zeitschrift "Sports" (die Älteren werden sich erinnern) gefragt worden, wie er sich auf mögliche Unfälle vorbereite bzw. darauf, diese in bestimmten Situationen zu vermeiden, schließlich könne man ja nicht andauernd absichtlich Unfallsituationen herbeiführen, nur um diese zu üben. Antwort: Er stellt sich eine Situation vor und geht sie immer wieder im Kopf durch. Wenn die Situation dann eintritt ist die Reaktion bereits programmiert. Beispiel Gegenlenken: Wenn das Auto rechts hinten ausbricht, lenke nach rechts - auf glattem Untergrund mit Handbremse. Habe ich probiert. Funktionierte (irgendwann später mal mit Papas Sommerreifen auf verschneiten Serpentinen unterwegs in den Skiurlaub)
Ergo: Ein theoretisches Konzepte und Visualisieren kann funktionieren. Muss nicht, aber kann. Natürlich ist das ein Problem, wenn sich theoretisch Konzepte in der Realität als unbrauchbar erweisen. Aber gerade im Bereich SV gibt es tonnenweise zugängliches Wissen, so dass sich durchaus partiell wappnen kann, ohne im Ghetto aufzuwachsen oder bei der Spezialeinheit anzuheuern. Und natürlich ist die reale Erfahrung wertvoller. Sie ist aber nicht unbedingt wünschenswert und einfach nix machen, kann es ja nun auch nicht sein.
Und noch eine letzte Anregung: Es wird recht oft (und ich finde nachvollziehbar) darauf hingewiesen, dass männliche Trainer für die Vermittlung von SV Frauen eher suboptimal sind. Was ist also wichtiger? Reale Gewalterfahrung einer Kampfmaschine oder eine Identifikationsfigur? Ich finde kann auch meiner Frau Dinge erklären und die vermittelt sie dann. Das ist im Zweifelsfall erfolgreicher, als wenn ich sie vermittle. Eben weil die anderen Frauen ihr Vertrauen und sich in ihren Problemen bei ihr wiederfinden.
Und nochmal ganz anders: Wieso zur Hölle muss ich über reale Gewalterfahrung verfügen, um jemandem zu vermitteln, dass er besser die Straßenseite wechselt, wenn ihm spät nachts eine offensichtlich aggressive Gruppe Jugendlicher entgegenkommt? Oder ein Taxi zu nehmen, anstatt in Rio durch die Favela zu laufen?
„Grau teurer Freund, ist alle Theorie. Und grün des Lebens goldner Baum.“