Ich klink mich mal wieder eher spät ein, aber mir ist grad nach einem kleinen rant

Meiner Meinung nach ist das, was ein System lehrt, immer eine Sache (wie gut / schlecht das ist lass ich jetzt mal außen vor, weil das extrem vom Lehrenden, dessen persönlicher Erfahrung im System und außerhalb und der daraus resultierenden Ausrichtung abhängt); ABER wer oder was in dem System trainiert, ist eine andere Sache.
Ohne jetzt speziell die Aikido-Gemeinde angreifen zu wollen, aber das Anforderungsprofil „Ich möchte eine technisch überlegene Kampfkunst erlernen, in der ich (schwach und unsportlich) mit JEDEM stärkeren Aggressor fertig werden kann, und das bitte ohne Waffen. Zuschlagen würde ich am liebsten nie, als Erster sowieso nicht, und auf am Boden liegende Menschen einprügeln oder -treten finde ich unmenschlich. Körperlich trainieren möchte ich wenig, blaue Flecken gar nicht, und im Gesicht schon am allerwenigsten. Ach ja, und ich hab maximal zweimal pro Woche 90 Minuten (inklusive Umziehen und Dusche) Zeit, und das auch nicht immer. Daheim trainieren kann ich nicht, die Wände sind so hellhörig und die Nachbarn fies. Geht das?“ ist mir inzwischen zu häufig begegnet, und in bestimmten Systemen finden die sich halt häufiger als in anderen.

Ich möchte gar nicht verneinen, dass es von Vorteil sein kann, einen Kampfstil zu trainieren, der einem keine Beschränkungen durch Regeln aufzwingt und wechselnde Umgebungsszenarien (mehrere Angreifer, harter Boden, Gegenstände aller Art...) miteinbezieht, aber: das genannte Anforderungsprofil ist zu unrealistisch, als dass da je was draus werden wird. Technik mag Kraft schlagen, aber erstens haben die meisten Leute ein falsches Verständnis von Technik (da gehört das Erkennen von Schwachpunkten und das Öffnen von Blößen dazu! Und zu beidem braucht man Erfahrung!), und zweitens erfordert das, dass man tatsächlich technisch besser ist als das Gegenüber. Technik erfordert zahlreiche Wiederholung, idealerweise unter realistischen Bedingungen. Machen wir mal die Mathematik:

- A (männlich, 25, austrainierte 80 kg) trainiert 4x pro Woche im Boxverein seit er 12 ist, trainiert seine Techniken da im Schnitt jeweils 500x pro Training, sparrt 2x pro Woche, geht zusätzlich ins Fitnessstudio und ist einer Keilerei unter Freunden (oder auch ohne) nicht abgeneigt.
- B (männlich, 30, etwas teigige 78 kg) hat mit 24 mit, sagen wir, Aikido angefangen, trainiert 2x pro Woche im Unisport und in den Sommerferien gar nicht. Dort trainiert er seine Techniken im Schnitt 25x pro Trainingseinheit ohne Widerstand. In seiner Freizeit zockt er World of Warcraft und betreibt Food-Blogging (die Suche nach dem ultimativen Burger oder so ähnlich).

Hmmm, irgendwie schaut das nicht so aus, als ob B so schnell seine Techniken besser beherrschen wird als A, noch dazu bei dessen körperlicher Überlegenheit (here's scary news for you: bessere Körperbeherrschung führt üblicherweise dazu, dass man Techniken SCHNELLER lernt), dem unbestreitbaren Trainingsvorsprung und dem noch dazu entschieden höheren und intensiveren Trainingspensum.
Egal wie gut oder „tötlich“ das System ist, aber wie um alles in der Welt soll B jemals A schlagen können? Mit der Einstellung wird das so schnell nicht passieren, und auch sonst wird’s kein Sonntagsspaziergang.

Übrigens, in diesem Zusammenhang hat ein alter Freund (zufällig auch hier im Forum vertreten) nach einer rein technischen Ringeinheit mit gespielt angewidertem Gesicht mir gegenüber bemerkt: „Gegen Leute wie dich haben sie Waffen erfunden!“ Ein weiser Spruch (ich habs als Lob aufgefasst ), den man sich gegebenenfalls mal durch den Kopf gehen lassen könnte.

Aber das ist nur meine bescheidene Meinung (beziehungsweise beruht es auf der persönlichen Bekanntschaft mit vielen „A“s und ein paar „B“s), vielleicht irre ich mich ja

Period.