Zitat Zitat von Aruna Beitrag anzeigen
Ich habe ja nur einen winzigen praktischen Einblick in Aikido, aber dabei habe ich den Eindruck gewonnen, dass die Techniken des Aikido (auch des Ki-Aikido) dazu dienen sollen, auch mit einem unkooperativen Partner umgehen zu können.
Nach meiner persönlichen und ganz sicher nicht repräsentativen Erfahrung handelt es sich im Ki-Aikido nach Yoshigasiki sensei dabei nur noch um eine rein abstrakte Form von nicht-Kooperation.

Wenn Nage allerdings üben soll, Harmonie zu schaffen, dann braucht er einen Partner, der die Harmonie stört.
Das ist m.E. der wesentliche Aspekt von budô. Udn zwar sowohl äußerlich, also auf den eigenen Körper bezogen oder auch ein bestimmtes gesellschaftliches Gefüge. Als auch innerlich. Also bezogen auf die Harmonie mit und in sich selbst und die Harmonie des Indiviuums mit seinem Lebenskontext.

Es gibt eine nette Geschichte über einen tibetischen buddhistischen Mönch, der über Jahre hin in einer Höhle einsam für sich die Fähigkeiten des Gleichmutes und der Geduld übt und verfeinert.
Eines Tages kommt eine anderer Mönch. Und provoziert ihn. So sinngemäßt: Alle halten dich für nahezu heilig. Aber wir beiden wissen, wie geil so ein Höhlenleben ist, nicht wahr? Die Leute bringen das beste Essen vorbei. Sie himmeln dich an und verehren dich. Wir werden um Rat gefragt bei jedem Quatsch und sie machen, was wir ihnen erzählen. Naja, und ab und an schicken sie ein hübsches Mädchen aus dem Dorf, damit wir nicht verkümmern und vertrocknen ... zwinker zwinker.
Der Höhlenasket (der tatsächlich asketisch gelebt hat) rastet völlig aus und schmeißt den Mönchskollegen raus.
Der sagt von draußen: Naja, Geduld und Gleichmut zu perfektionen so lange einen keiner ärgert, ist Kinderkram.
Geduld und Gleichmut zu üben, während die Seele gekitzelt und gequält wird. DAS ist die wahre Kunst!

Nach allem, was ich über die Zeit meine, verstanden zu haben, ist budô ein Weg, der sich genau damit beschäftigt, mit Störungen konstruktiv umzugehen. Und zwar mit Störungen von Außen ebenso wie mit den Störungen, die aus dem eigenen Inneren erwachsen.
Lernen und üben, daß und wie die Welt nicht vergeht, wenn sie in Unordnung gerät. ran dori.

Für mich wäre das Übungsziel, dass ich auch den Unerfahrenen so harmonisiere, dass ich ihn geschmeidig überwinde, anstatt ihm beizubringen, wie er korrekt kooperiert....
Das genau war es, was mich an meinem ersten Lehrer am allermeisten fasziniert hat: Er konnte mit jedem Menschen, der oder die ins dôjô gestolpert ist - oder in einem Fall auch von seiner Mutter hereingestützt wurde - die Techniken ausführen und zeigen - und zwar genau so, wie sie gedacht waren, wie sie laut Textbook aussehen sollten. Er war nicht darauf angewiesen, daß seine Partner ihm dabei geholfen haben.
Und immer und jedesmal und ohne Ausnahme so, daß es deren Fähigkeiten oder Beeinträchtigungen exakt genau richtig angemessen war.
Ich halte das für eine hohe Kunst.

Folgt er auch einem anderen Weg, als es Tohei Koichi tat?
Ja. Er hat sich davon abgegrenzt.

War nicht Tohei der Meinung, im Ki-Aikido einen wesentlichen Aspekt des (Ueshiba-)Aikido zu übermitteln, der bei den offiziellen Nachfolgern weniger Berücksichtigung findet?
Nein. Tohei sensei hat mehrfach öffentlich gesagt, daß er von Ueshiba gelernt habe, wie man tatsächlich entspannt. Das aber sei das Einzige gewesen, was er von ihm mitgenommen habe.

Der wesentliche Inhalt des Ki-Aikido von Tohei sensei stammt von Tempu Nakamura sensei und dessen tempu kai.

Tohei sensei hatte zunächst zugesichert und auch aus eigenem Entschluß aktiv vertreten, das, was er übt, nicht aikidô zu nennen. Weil es ein anderer Weg sei. So hängt ja in Ki-Aikido dôjô auch kein Bild von Ueshiba sensei und häufig auch nur eine Kalligraphie von ki, nicht aikidô.
Daß es dennoch bei diesem Namen geblieben ist, hängt mit der Situation in den USA zusammen, wo ja Tohei sensei vor allem vertreten war. Die Spaltung war ohnehin schwierig genug - für beide Seiten. Durch viele dôjô ging der Schnitt mitten hindurch. Und ich denke, es schien wichtig zu betonen, daß man einen Weg des aikidô weiter geht, einen besonderen eben. Zu sagen, es würde sich um etwas Neues handeln, wäre wohl kaum erfolgreich gewesen.
Ich stelle immer wieder fest, daß vielen Übenden nicht bewußt ist, daß die wesentlichen Inhalte des Ki-Aikido nicht von Ueshiba sensei oder Tohei sensei stammen, sondern von Tempu sensei.

D.h. während der Text von Yoshigasaki sogar dazu anzuregen scheint, dass auch der Angreifer nicht aggressiv sein sollte, könnte ich mir vorstellen, dass Du es auch dem Aikidoka (Nage) zugestehst, aggressiv anzugreifen?
Ja. So meinte ich das.
Was dann "aggressiv" tatsächlich bedeutet und was "angreifen" meint, wäre dann ein interessanes Thema ... ;-)

Hm, im Bild gesprochen, geht es mir dabei um eine Form von intuitiver, weiser Klarheit. So, wie manche Aussagen des Dalai Lama zum Beispiel - aber auch anderer spiritueller LehrerInnen - ganz und gar nicht aggressiv sind und auch keinen Angriff darstellen. Aber doch sind sie so klar und so geerdet und ruhen in sich in einer solchen Stabilität, daß man nicht um sie herum kommt, sich ihnen nicht verweigern kann. Durch sie betroffen und bewegt wird.
Das gibt es vergleichbar auch auf der körperlichen Ebene.

Aber dafür - und darauf verweist ryoma ganz zu Recht - muß man eben auch auf der körperlichen Ebene üben, eine solche "Klarheit" in seiner Bewegung und Körperstruktur zu haben. Aus einem wannabe atemi ein wirkliches, lebendiges atemi machen.