Yoshigasaki hat das mal sehr schön formuliert, was ich vor einem halben Jahr auch schon mal zitiert hatte:
Zitat von Kenshiro Yoshigasaki, Aikido - Kunst und Lebensweg, pg. 63
Da es im Aikido keine Angriffstechniken gibt, gibt es auch keine Gewinner oder Verlierer. Der Autor (Yoshigasaki) hat die Erfahrung gemacht, dass ein guter Nage (Verteidiger, Werfender) stets auch ein guter Uke (Angreifer, Geworfener) ist, weil beide sich in diesem Fall harmonisch und koordiniert bewegen. Die Fähigkeit eine Technik selbst auszuführen, und die Fähigkeit, sie mit sich ausführen zu lassen, sind ein und dasselbe. Uke muss immer im Kopf behalten, dass man beim Aikido nicht kämpft, sondern dass beide einander helfen, die Aikidotechniken immer besser auszuführen. Wenn Sie danach trachten, nicht aggressiv zu sein, keinen Widerstand zu leisten und als Nage Harmonie zu schaffen, wird sich Ihr gesamter Körper und Ihr gesamter Geist in dieser Richtung entwickeln. Natürlicherweise verhalten Sie sich dann auch im Alltag so, und in gleicher Weise, wenn sie die Rolle als Uke im Aikidotraining einnehmen. Aus diesem Grunde muss Aikido als Kunst aufgefasst werden, es kann weder Selbstverteidigung noch Kampfsport sein. Eine Kunst hat zwar ihren Ausgangspunkt in der Realität, aber sie erschafft eine neue Realität, die keine Kopie der Wirklichkeit ist.
(Hervorhebung von mir)
Ich habe ja nur einen winzigen praktischen Einblick in Aikido, aber dabei habe ich den Eindruck gewonnen, dass die Techniken des Aikido (auch des Ki-Aikido) dazu dienen sollen, auch mit einem unkooperativen Partner umgehen zu können.
Mit diesem Eindrucks betrachte ich diesen Satz:
"Uke muss immer im Kopf behalten, dass man beim Aikido nicht kämpft, sondern dass beide einander helfen, die Aikidotechniken immer besser auszuführen.
Wenn Sie danach trachten, nicht aggressiv zu sein, keinen Widerstand zu leisten und als Nage Harmonie zu schaffen [...]"
Ich kann noch nachvollziehen, dass Nage "Harmonie" schaffen soll. Das kenne ich aus Taijiquan auch so ("Wir sind entspannt und helfen dem Angreifer dabei, sich zu entspannen....notfalls schlagen wir den Angreifer bewusstlos, das entspannt auch...")
Wenn Nage allerdings üben soll, Harmonie zu schaffen, dann braucht er einen Partner, der die Harmonie stört.
Wenn er üben soll, mit Aggressionen umzugehen, dann braucht er einen aggressiven Partner.
Wenn er lernen soll, mit Schlägen umzugehen, die ihn treffen können, dann braucht er einen Partner, der ihn mit seinen Schlägen treffen will.
Ich war z.B. mal auf einem Ki-Aikido-Einführungskurs.
Da waren einige erfahrene Kampfsportler und mindestens ein diesbezüglich eher Unerfahrener.
Mit den erfahrenen Kampfsportlern konnte ich die Techniken prima üben, aber mit dem Unerfahrenen war es schwer, da der nicht wusste, wie er sich verhalten soll.
Für mich wäre das Übungsziel, dass ich auch den Unerfahrenen so harmonisiere, dass ich ihn geschmeidig überwinde, anstatt ihm beizubringen, wie er korrekt kooperiert....
Auf einem TJQ-Anwendungsseminar übte ich mal Hebel mit einer Frau.
Da der Hebel nicht saß, ließ ich mich nicht bewegen.
Dann kam eine andere, sehr fortgeschrittene Frau vorbei und meinte, ich solle doch nachgeben, damit meine Partnerin was lernt.
Nun, dann habe ich nachgegeben, damit die zweite Dame Ruhe gibt...
Ich denke allerdings, dass meine Partnerin gerade dadurch um einen möglichen Lernerfolg gebracht wurde.
Denn ich habe sie nicht, trotz unübersehbarer körperlicher Überlegenheit, überpowert, sondern ihr Hebel saß eben nicht.
Die Technik, bzw. das Gefühl dafür, wie sie auf meinen Körper einwirken muss, war nicht da.
Sobald ich merke, dass auch ein körperlich Unterlegener "drin" ist, gehe ich gerne mit und muss nicht versuchen irgendwie mit Kraft dagegenzuhalten.
Das ist für mich richtige Kooperation beim Üben.
Falsche Kooperation wäre für mich mitzuspringen, wenn gar keine Wirkung erzeugt wird oder so anzugreifen (z.B.: zu schlagen), dass gar keine Abwehr nötig ist, weil der Schlag z.B. ohnehin nicht trifft.
Falscher Widerstand wäre für mich, den anderen bei reinem Techniktraining zu überpowern oder das Setting zu verlassen.
Ich kannte mal so einen Spezialisten, der beim langsamen Üben des Umgangs mit Fauststößen meinte, er müsse dann während des Schlages die Richtung des Schlages ändern..
Der zumindest teilweise unkooperative Partner ist für mich der Unterschied für mich zwischen Kampfkunst und (Mehrpersonen-)Tanz.
Beim Paartanz z.b. bemühen sich (im Idealfall) beide Partner um Harmonie.
Der Herr führt und die Dame lässt sich führen.
Ich hab mal eine Weile Salsa getanzt.
Wenn man da eine gute Tanzpartnerin in einer Doppelt- oder Dreifachdrehung führte, dann braucht man dazu einen oder zwei Finger.
Denn man gibt mit der Hand nur die Info, welche Bewegung gewünscht ist, den Rest macht die Partnerin selbst.
Eine weniger gute Partnerin muss man dann mit Kraft aktiv kurbeln, d.h. bei der Bewegung unterstützen oder etwas deutlicher Zeigen, was man denn will.
In einer Kampfkunst erwarte ich, dass der Partner nicht freiwillig macht, was ich will und mich durch der Übungssituation angemessenen Widerstand bei meinem jeweiligen Lernziel unterstützt.
Zitat von Aiki50+
Um einem Anfänger nicht zu frustrieren, muss ich als Nage die Techniken so dosieren, dass ich ihn nicht gefährde, und noch mehr als Uke nicht blockieren, erfolgreiche Ansätze durch nachgeben und Rollen honoriere
Eben, erfolgreiche Ansätze werden honoriert, aber bei nicht erfolgreiche werden durch Nichtnachgeben auf den Fehler hingewiesen.
Da Du bei einem Anfänger weniger blockierst, heißt dass, dass Du bei einem Fortgeschrittenen mehr blockierst bzw. blockieren kannst und bei einem Könner das Blockieren nix mehr nützt, bzw. Dich selbst gefährdet, weil die Technik dann unschöner wird.
Letzteres birgt dann allerdings die Gefahr in sich, dass sich Lehrer kooperierende Schüler heranzüchten und gar nicht mehr den Reality-Check eines unkooperativen Gegners haben.
Aus dem Sport-Judo kenne ich (von früher) z.B.: Wurfdrills: Ein Wurf wird möglichst oft auf Zeit durchgeführt.
Da wollte ich auch keinen Partner, der aktiv blockiert. (aber auch keinen, der aktiv mitspringt.)
Allerdings gibt es auch Randori, bei dem der Partner alles innerhalb der Regeln versucht, mich an der Wurfausführung zu hindern bzw. selbst zu werfen.
Zitat von carstenm
Soweit ich es verstehe, hat sich Yoshigasaki sensei mit seinem Ki-Aikido einigermaßen deutlich und auch ganz bewußt von den Vorstellungen gelöst, die das aikidô nach Ueshiba sensei bestimmen. Nicht umsonst nennt er sich dôshu. Er folgt einem anderen Weg.
Folgt er auch einem anderen Weg, als es Tohei Koichi tat?
Z.B. die "Ki-Tests" basieren doch darauf, dass man mit dem gleich unkooperativen Partner auf unterschiedliche Art und Weise umgeht und damit unterschiedliche Wirkungen erzielt?:
War nicht Tohei der Meinung, im Ki-Aikido einen wesentlichen Aspekt des (Ueshiba-)Aikido zu übermitteln, der bei den offiziellen Nachfolgern weniger Berücksichtigung findet?
Zitat von carstenm
Nebenbemerkung:
Ich teile nicht die Vorstellung von einem "aggressivem Angreifer" und einem "nur verteidigenden Aikidoka".
Ich vermute mal, die Abweichung ist bei dem "nur verteidigenden Aikidoka" und weniger bei dem "aggressivem Angreifer"?
D.h. während der Text von Yoshigasaki sogar dazu anzuregen scheint, dass auch der Angreifer nicht aggressiv sein sollte, könnte ich mir vorstellen, dass Du es auch dem Aikidoka (Nage) zugestehst, aggressiv anzugreifen?