Ich kann diese Gedanken nachvollziehen, und halte es auch nicht für prinzipiell verwerflich Budo in diesem Sinn zu üben, als Vorbereitung zum Umgang mit Krieg oder Gewalt. Aber ich persönlich möchte Aikido nicht als SV üben, selbst wenn man es in letzter Konsequenz dann nicht mehr als Aikido oder Budo betrachten dürfte.
Früher (in meiner aktiven Zeit vor 30-25 Jahren) hatte ich auch an diese gedankliche Trennung zwischen aggressivem Angreifer und den nur verteidigenden Aikidoka geglaubt. Inzwischen bin ich zur der Überzeugung gekommen, dass es im Rahmen des Aikido-Trainings (wie ich es kenne), Uke und Nage unterschiedliche, aber zu einander passende Aspekte des selben Aikidos üben: Yoshigasaki hat das mal sehr schön formuliert, was ich vor einem halben Jahr auch schon mal zitiert hatte:
(Hervorhebung von mir)
Das Aikido-Dojo ist für mich ein Ort des kooperativen Übens, bei dem ich mich immer auf den Partner einstellen muss, ob er Anfänger oder Fortgeschrittener, größer oder kleiner, leichter oder schwerer ist, schwächer oder stärker ist, ob er eher an Kampf oder an was anderes denkt. Das macht ja auch den Reiz des Trainings aus
Beispielsweise trainiere gerne mit Einsteigern in der Probestunde, weil ich glaube dabei viel lernen zu können. Um einem Anfänger nicht zu frustrieren, muss ich als Nage die Techniken so dosieren, dass ich ihn nicht gefährde, und noch mehr als Uke nicht blockieren, erfolgreiche Ansätze durch nachgeben und Rollen honorieren, ja sogar als Uke durch sanften Druck Nage so bewegen, dass er die gezeigte Technik am leichtesten ausführen kann.
Das gleiche machen die Dan-Träger mit mir. Die Intensität der Angriffe und Techniken steigert sich so allmählich mit der Zeit. Atemi ist für mich kein Problem, so lange es nicht mit der Absicht, den Partner zu verletzen ausgeübt wird. Auf einem fortgeschrittenen Level weiß Uke, dass bei einem Sokumen-Irimi-Nage die Faust oder Handkante auf das Gesicht zusaust und reagiert dann indem er sich fallen lässt. Das sieht man in dem von mir und dann von Inryoku zitierten Hikitsuchi-Video, aber auch in dem Shirakawa-Video.
Natürlich macht diese Art des Übens nur Sinn, wenn Nage und Uke auf gleich hohem Niveau sind. Ich meine auch, dass Shirakawa seine Partner sehr klar bewegt, was ja zur Qualität seines Aikidos gehört. Wenn ich mir Shirakawa-Videos dieser Art anschaue, bekomme ich unweigerlich Lust, eine Matte zu betreten und das im Rahmen meiner Möglichkeiten nachzumachen. Bei dem von Inryoku verlinkten Kanai-Video ist das Gegenteil der Fall.
Das Interview mit Hikitsuchi kenne ich auch schon seit fast einem Jahr. Der folgende Absatz hat mich besonders beeindruckt:
Oder ist das auch wieder falsch übersetzt oder nur in einem shintoistischen, daoistischen oder Omotokyo-Kontext ganz anders zu verstehen?Would you say that O-Sensei had changed during the war years?
Yes. His thinking about Budo had changed radically. And the way he related to people also changed. ...
After the war, O-Sensei’s thinking about waza also changed enormously. Before the war, the purpose of waza had been to kill the attacker. And we had practiced like that. After the war, he urged us not to attack opponents or to think of beating them up. “If you do that,” he said, “it will be the same as before. I have changed how we do everything.”
O-Sensei told us that we must give our opponents joy. To do this, he said, we must become capable of immediately sensing their ki. ... The Budo of destroying others will become transformed into the Budo of offering joy and compassion to others.”





Mit Zitat antworten