Man kann sich eine Ausbildung wie eine Pyramide vorstellen. An der breiten Basis sind die totalen Anfänger und die Laufkundschaft. Die haben nur falsche Erwartungen und keine Ahnung von nix. Oben an der Spitze sind nach Jahrzehnten an Erfahrungen, Praxis und Studium die wenigen Experten, deren Fähigkeiten auf Normalsterbliche fast übernatürlich oder halt auch frei erfunden wirken.
Warum ist die Pyramide eine Pyramide und kein Quader? Wo sind die Leute, die auf dem Weg nach oben wegbrechen? Was machen die? Sie laufen durch die Weltgeschichte und prägen das Image der Pyramide.
Viele Leute, die nix können, aber auch deutlich mehr Leute, die auf unterschiedlichem Niveau deutlich mehr als Nullkommanix gelernt haben. Und viele dieser Leute bilden dann natürlich selbst auch wieder aus.
Will man erfolgreich ausbilden, bringt man unten an der Basis gleich einfache Übungsinhalte, die unmittelbare Relevanz für die Anfänger haben. Es werden in Prüfungen und Übungsaufgaben Fragen und Probleme sichtbar. Die Ausbildung beantwortet diese Fragen und hilft, die Probleme besser zu lösen. Das führt einerseits zu einer geringen Abbrecherquote und schnelleren Lernfortschritten.
Andererseits führt es aber auch dazu, daß die Abbrecher tatsächlich gelernt haben, ein paar relevante Probleme zu lösen. Man muß es nicht durch ein komplettes Mathestudium schaffen, um ausgezeichnet rechnen zu können.
Man braucht ganz sicher kein Literaturstudium, um ein herausragender Schriftsteller zu werden.
In den TCMA, wie sie heute überwiegend strukturiert sind, hat man die Fragestellungen ganz ans Ende der Ausbildungszeit verschoben und trichtert den Leuten rätselhafte Antworten auf unbekannte Probleme ein.
Die Leute fangen an der Basis der Pyramide an und turnen erstmal eine inhaltsleere Form nach.
Eine Treppenstufe höher lernen sie allmählich die Details der Bewegungen, ohne für diese Details einen vernünftigen Grund zu haben. Natürlich kann sich diese Details erstmal keine Sau merken. Das menschliche Gehirn ist da gnadenlos - wenn es keinen unmittelbar ersichtlichen Grund für etwas gibt, dann ist es wurscht und wird ignoriert.
Mabu, Kreise, Spiralbewegungen, Winkel und Schwerpunkt - Warum soll man es genau so und nicht kreativ anders machen? Die Antworten auf diese Fragen kommen erst mit Waffen, mit Techniken, mit Taktiken und mit der Erfahrung im Sparring. Irgendwann mal - außer Sicht.
Bei den schon deutlich weniger Leuten, die trotzdem auf Inhalte und Details achten, kommt dann bei hinreichendem Lernfortschritt ... noch eine Form. Genau. Erstmal noch mehr grundlose Bewegungsabläufe auswendig lernen.
Bei den wenigen, die jetzt noch bleiben, gibt es etwas Pushen und Tuishou als erste Tests.
Und noch mehr Formen.
So geht es mühsam Treppenstufe um Treppenstufe. Und irgendwo oben in den Wolken warten dann die Anwendungen. Und noch viel weiter oben, schon außer Sicht, soll es richtiges Drilltraining geben, wo man die Anwendungen dann tatsächlich auch so intensiv übt, daß man sie kann. Und ganz, ganz oben an der Spitze, für die, die es dahin schaffen, wartet dann Sanshou - Sparring. So raunt man es jedenfalls am Lagerfeuer. Und irgendwer hat irgendwann einen Cousin gehabt, der schonmal eine Schubserei im Bordell überlebt hat.
Theoretisch klingt das alles wunderbar systematisch und wohlstrukturiert: Grundlagen im Stand, dann Mechanik in Form und Förmchen, dann Mechanik am Partner, dann Anwendungen, und dann Anwendung am Gegner. Und immer schön jede Stufe möglichst perfekt und vollständig lernen, weil sie die Grundlage für die nächste Stufe liefert.
In der Praxis sieht man aber in jedem verdammten Park, daß diese didaktische Struktur nicht funktioniert.
Die Welt ist voll mit Leuten, die schonmal TCMA auf ganz unterschiedlichem Niveau gemacht haben und nichts davon jemals im Sparring oder Kampf probiert haben. Schlimmer sogar: Die Anwendungen sind schon ein regelrechtes Geheimnis geworden. Keiner hat sie je gesehen, geschweige denn gelernt. Von denen, die sie noch kennen, werden sie auch kaum noch gezeigt.
Der Nachwuchs sieht entsprechend aus: Kaum Kämpfer, fast nur noch Leute, die mal eine inhaltsleere Gymnastik ausprobieren wollen.
Und die Abbrecherquote ist sowieso jenseits von gut und böse.
Ausreden und phantasievolle kulturpessimistische Erklärungen gibt es dazu viele. Aber die Ursache sind nicht die Leute und nicht die heutigen Zeiten. Andere Leute gibt es nicht, gab es nie, wird es nie geben. Und die Zeiten waren nie besser. Wir waren nie so gesund, wir hatten nie so gesundes Essen und so sauberes Wasser, wir hatten nie so viel Freizeit für Sport und Training und nie so hervorragende medizinische Versorgung wie heute.





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