Vielleicht hast du hier recht - kommt das Menschliche bei verurteilten Gewalttätern oder Rassisten in unserer heutigen Gesellschaft zu kurz?
Sollte man nicht dem Mensch hinter dem Rassisten, dem Gewalttäter mehr Bedeutung geben?
Kann man einen liebenden Menschen moralisch verurteilen, nur weil er rassistisch ist oder jemanden zusammengeschlagen hat?
Nehmen wir als Extrembeispiel eine historische Persönlichkeit - Hermann Göring.
Ein ehemaliger deutscher Politiker, der in der aktuellen historischen Bewertung seines "Lebenswerkes" nicht all zugut wegkommt.
Ohne Frage war Rassist, ein verurteilter Gewalttäter.
Er war aber auch ein Familienmensch, er liebte seine Kinder und seine Frauen abgöttisch. Ein Romantiker - er nannte seinen Wohnsitz nach seiner ersten großen Liebe "Carinhall"
Er beschützte Zeit seines Lebens die jüdische Familie Ballin, welche ihm nach dem gescheiterten Putsch in München gesundpflegte.
Als die SS die Familie Ballin ins KZ steckte, holte er diese von dort zurück und seitdem wird ihm das berühmten Zitat "Wer Jude ist, bestimme ich!" nachgesagt.
Mehr als einmal rettete er seinen jüngeren Bruder Albert vor dem Zugriff der SS - Albert war sozusagen das schwarze Schaf der Familie - ein Mann mit
humanistischen Idealen, der Juden rettete und das Naziregime von ganzem Herzen ablehnte.
Sollte all das nicht in die historische Bewertung von Göring einfließen?
Weg von Göring, zurück ins Jahr 2020:
Sollte man nicht grundsätzlich den liebenswerten Menschen hinter einem Gewalttäter oder Rassisten sehen?
Kann man einen liebevollen Vater moralisch verurteilen und ausgrenzen, nur weil er vielleicht mal versehentlich einen Menschen totgeschlagen hat oder ein paar
Ausländer anbrennen wollte?
Die Antwort ist nein, Cam67.
Man muss es tun, wenn man selbst für die Werte einsteht, welche die Taten verurteilen.
Und zwar solange, bis ohne jeden Zweifel feststeht, dass die Person nicht mehr die Person ist, welche diese Straftaten begangen hat.
Deinen Ausführungen entnehme ich aber, dass du diesen Leuten nachsiehst, dass sie vielleicht rassistisch oder Gewalttäter sind.
Weil für dich der Mensch hinter den Straftaten wichtiger ist.
Das ist aber nur möglich, wenn einem selbst diese Straftaten wenig bedeuten, wenn man diese als Bagatelle ansieht.
Oder würde dich auch der Mensch hinter einem Kinderschänder interessieren - ob er weint, gefühlvoll ist? Seine Mutter liebt?
Natürlich nicht, Cam67. Das klappt nur bei Dingen, die für dich keine allzu große Bedeutung haben.
Als ich einmal schrieb, dass durch Kampfsport Gewalt in unseren Köpfen etwas alltäglich Normales wird -ohne das wir das verhindern können-
hattest du entrüstet widersprochen. Vielleicht solltest du mal darüber nachdenken, ob deine scheinbar liberale, menschliche Haltung Gewalttätern und Rassisten
gegenüber nicht doch einfach nur der Tatsache geschuldet ist, dass du deren Taten -ganz tief in dir versteckt- als Kavaliersdelikt ansiehst?
Kann typischerweise ein Kampfsportler wirklich jemandem ablehnen, der als "ganzer Kerl" seine Dinge mit den Fäusten regelt?
Kann man wirklich solch einem ganzen Kerl vorwerfen, dass dessen Opfer ein Lappen war und einfach so weggestorben ist?
Oder ist da nicht doch -unter der polierten, gepflegten Oberfläche der Selbstdarstellung- Verständnis und Sympathie für diese Leute da ... welches gegenüber einem Kinderschänder komplett fehlt?






