Zunächst mal braucht es einen Lehrer und eine Traditionslinie, in der diese Aspekte überhaupt habbar sind. Falls diese Verbindung abgeschnitten ist, kann man dazu natürlich auch keinen Zugang bekommen.
Wenn diese Übertragungslinie aber vorhanden ist, dann ist es am Anfang, wenn man selbst noch nicht so weit fortgeschritten ist, sehr interessant, den eigenen Lehrer in der Rolle als Schüler von dessen Lehrer zu beobachten. Oder wenn er mit anderen Schülern auf seinem Niveau übt. Oder sich mit ihnen austauscht. Mir jedenfalls hat das damals eine dmupfe Ahnung davon vermittelt, was noch kommen könnte hinter dem, was mir bis dahin zugänglich war.
Najaaaa ... und dann ist das vor allem ganz schlicht und einfach eine Frage der eigenen Entwicklung ... . Es braucht halt ein bestimmtes Niveau, um bestimmte weiterführende Aspekte üben zu können.
Ob man diese Art des Übens für relevant hält, oder nicht, hat nach meinem Verständnis damit zu tun, was man als Ziel des eigenen Übens ansieht. Ich denke, es hat damit zu tun, wie man sich selbst in Bezug setzt zu der Traditionslinie. D.h. wie nahe man dem Kern der Tradition gerne kommen wollen würde. Und damit, welche Bedeutung die tieferen, auch spirituellen Aspekte der Selbstkultivierung, die eine Tradition vermittelt, für das eigene Üben haben.
Wenn das Internet die Quelle des Interesses oder auch des Wissens ist um die tieferen Aspekte, und beides nicht aus dem Kontakt zu dem eigenen Lehrer und zu dessen Traditionsnlinie entsteht, dann ist das etwas anderes als das, was ich meine.
Diese Aussage von Tomiki sensei gehört ja in einen bestimmten historischen Kontext. Und ich denke auch, daß die Zeit des Wiederaufbaus nach dem Krieg wohl nicht die Zeit war, der persönlichen inneren Kultivierung zu frönen. Zugleich ist seine Aussage auch Ausdruck seiner Motivation insgesamt, nämlich ein aikidô zu entwickeln, das der Erziehung dient. Der pädagogische Aspekt war ja für ihn eine ganz maßgebliche Triebfeder. Tomiki sensei steht damit im direkten Widerspruch zu Sugino osensei, den du ja oben zitiert hast. Und der immer wieder betont hat, daß ein budô nicht im schulischen Kontext unterrichtet werden kann, ohne sein wahres Wesen zu verlieren.Wie ich schon in Post #172 ausgeführt hatte, machte sich zum Beispiel Tomiki Sorgen, dass zu viele Aikidoka dazu verleitet werden könnten, in ihrem Leben sich nur noch mit der Entwicklung solcher Aiki-Skills zu beschäftigen und nannte das "anti-social" (Modern Aikidoist Podcast: Ep. 123 (ab 1:06:00)).
In welcher Beziehung stehst du denn zu Tomiki sensei, so daß seine Aussagen für dein eigenes Üben eine bestimmte Relevanz hätten?
Ich selber habe nie in seiner Traditionslinie geübt. Und aus meiner ganz persönlichen Sicht ist das, was er geschaffen hat, etwas deutlich anderes, als das, was ich - vor meinem Hintergrund als Schüler des aikikai - unter aikidô verstehe. Das meine ich nicht wertend. Sondern lediglich in dem Sinne, daß Aussagen, die für das Aikido des Shodokan gelten und eben auch normative Aussagen von Tomiki sensei für mich sehr wohl von historischem Interesse sind. Aber nicht ausschlaggebend für mein eigenes Üben.
Davon abgesehen:
Ellis gebraucht ja nun in dem Podcast die von dir zitierte Aussage von Tomiki sensei gerade als Folie, um dann in den unmittelbar folgenden Sätzen die bekannte Geschichte davon abzuheben, in der nidai dôshu die übrigen Schüler wegschickt, um dann bestimmten Schülern etwas zu zeigen, das er nicht öffentlich unterrichtet. Und damit zu belegen, daß nidai dôshu durchaus martiale Aspekte von seinem Vater gelernt hat, die in dem öffentlichen Unterricht und auch in dem Bild, das er gemeinhin von aikidô in der Öffentlichkeit vermittelt, nicht vorkommen.





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